„Prince Charming Isn’t Coming – How Women Get Smart About Money“ von Barbara Stanny

Über ein Jahr ist es her, dass ich mit Natascha Wegelin, auch bekannt als Madam Moneypenny, meine finanzielle Weiterbildung begann. Eines der Bücher, die sie empfiehlt, ist Barbara Stannys Sachbuch „Prince Charming Isn’t Coming“. Worum es darin geht und ob ich das Buch ebenfalls empfehlenswert finde, darüber möchte ich dir heute mehr erzählen.

Cover von „Prince Charming Isn’t Coming“ von Barbara Stanny
Worum es geht

Mir gefiel ja allein schon der Titel damals: „Prince Charming Isn’t Coming“. Ich weiß gar nicht genau, warum. Barbara Stanny schildert in diesem Buch ihre persönliche Reise zu finanzieller Selbstbestimmtheit mit dem Ziel, möglichst viele andere Frauen wachzurütteln und ihnen erste Mittel an die Hand zu geben, um finanziell unabhängig zu werden. Wie kam es dazu? Barbara Stannys Eltern lebten ihr das „klassische“ Rollenmodell vor: Ihr Vater arbeitete, ihre Mutter kümmerte sich daheim um den Haushalt und die Kinder. Finanzielle Angelegenheiten fielen in den Aufgabenbereich ihres Vaters, der sich sehr erfolgreich der Vermehrung des Familienwohlstand widmete. Mehr oder weniger unbewusst vermittelten sie Barbara, dass auch sie sich nach der Heirat auch um nichts weiter würde sorgen müssen als den Haushalt und die Kinder. Noch bevor sie heiratete überreichte ihr Vater ihr einen dicken Ordner, in dem alle notwendigen Dokumente und Informationen über die Geldanlagen enthalten waren, die er für Barbara aufgezogen hatte. Sie sei eine reiche Frau, sagte er ihr. Ihr späterer Mann würde sich nur noch um die Verwaltung des Vermögens kümmern müssen. Doch es kam anders. Barbara heiratete, bekam drei Kinder, ihr Mann kümmerte sich um die Finanzen und verzockte fast alles, was sie besaß. Es hatte mehrere Warnschüsse gegeben, doch sie hatte sie nicht wahrhaben wollen. Zu fest glaubte sie daran, dass ihr Prinz sich schon um alles kümmern würde. Zu überzeugt war sie davon, dass sie nicht in der Lage sein würde, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Als sie die Realität nicht länger verleugnen konnte, trennte sie sich von ihrem vermeintlichen Prinzen. Trotzdem dauerte es nochmal mehrere Jahre, bis sie endlich bereit war, selbst Verantwortung für ihr Geld zu übernehmen. Geholfen haben ihr dabei zahllose Interviews mit erfolgreichen Frauen, die sie in dieser Zeit führte. Sie nahm sieben Erkenntnisse aus diesen Interviews mit, die sie in „Prince Charming Isn’t Coming“ zusammenfasst:

  • Niemand wird mir diese Aufgabe abnehmen
  • Der Lernprozess folgt einer Kurve
  • Es gibt nicht auf alles eine Antwort
  • Es gibt keine Geheimnisse
  • Risiko ist nicht gleichbedeutend mit Verlust
  • Ich muss das nicht alleine machen
  • Ich kann etwas bewirken

Zu Beginn, sagt sie, muss man sich von dem Mythos des heldenhaften Ritters in seiner schimmernden Rüstung verabschieden, der einen retten und sich um alles kümmern wird. Denn er wird nicht kommen. Weder in Gestalt eines zukünftigen Ehemannes, noch als Lottogewinn oder sonstiger glücklicher Umstand. Es geht ihr nicht darum, Ehemänner schlecht zu machen, sondern zu verdeutlichen, dass wir Frauen völlig grundlos die Verantwortung für unser Leben abgeben, wenn wir weiter an diesem Mythos festhalten. Denn wir können uns genauso gut, wenn nicht sogar besser um unsere Finanzen kümmern.

Dafür müssen wir einfach einmal anfangen, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wichtig dabei ist, dass wir uns nicht davon entmutigen lassen, wenn wir nicht auf Anhieb alles verstehen. Sobald wir zu lernen beginnen, fällt uns auf, was wir alles noch nicht wissen, und das kann manchmal ein Schock sein. Doch wenn wir am Ball bleiben, dann verringert sich dieser Anteil mit der Zeit und stattdessen sehen wir, was wir schon alles gelernt haben und wir werden selbstbewusster. Es lohnt sich also, nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen.

Manchmal ist es nötig, dass wir zuerst unsere inneren Blockaden loswerden, die uns davon abhalten, unser Potenzial zu entfalten. Dazu gehören unter anderem tief sitzende Glaubenssätze zum Thema Geld und/oder Frauen und Geld. Dieser Aspekt ist ihr unglaublich wichtig, weil ihre Blockaden sie selbst jahrelang davon abgehalten haben, sich mit ihren Finanzen zu beschäftigen.

Wer sich von dem Mythos des strahlenden Ritters verabschiedet hat, innere Blockaden beseitigen konnte und sich entsprechend weitergebildet hat, zögert trotzdem häufig noch, den nächsten Schritt zu tun und das Gelernte in die Tat umzusetzen, in unserem Fall also das eigene Geld entsprechend zu sparen und anzulegen. Das liegt häufig daran, dass wir das Gefühl haben, es gäbe da noch geheime Informationen, die nur mündlich in einem eingeweihten Kreis erfolgreicher Anleger ausgetauscht würden. Informationen in Bezug auf den richtigen Zeitpunkt, an dem sich das Investieren besonders lohnt oder Anlageformen, die besonders empfehlenswert sind. Auch diese Hürde hilft Barbara Stanny ihre Leserinnen zu überwinden, denn sie sagt schlicht und ergreifend, dass es keine geheimen Informationen gibt. Jeder Augenblick ist der richtige Moment, um zu investieren. Wichtig ist, dass man einfach mal anfängt – Grundvoraussetzung dafür ist einzig, dass man seine Hausaufgaben gemacht und sich intensiv eingelesen hat!

Natürlich besteht immer ein gewisses Risiko in Bezug auf Geld. Doch Risiko bedeutet nicht zwangsläufig Verlust. Wenn man das Geld einfach auf der Bank liegen lässt, ist das Risiko des Geldverlusts wegen der Inflation in der Regel höher als wenn man es anlegt. Natürlich gibt es Anlageformen, die risikoreicher sind – da sind dann allerdings auch die Gewinne höher, wenn alles gut geht – aber man ist ja auch nicht gezwungen, sein ganzes Geld in diese Anlageformen zu stecken. Ganz im Gegenteil sollte man dafür sorgen, dass man sein Geld dem eigenen Risikovermögen entsprechend aufteilt, sodass man auch in turbulenten Zeiten noch gut schlafen kann.

Wer sich immer noch überfordert fühlt, dem rät Barbara Stanny, sich mit anderen Frauen auszutauschen. Wobei sie das grundsätzlich allen Frauen rät. Denn man muss sich dieser Aufgabe nicht allein stellen. Man kann und sollte auf die Erfahrungen anderer Frauen zurückgreifen und sich davon leiten lassen. Auch in dieser Hinsicht ist Natascha Wegelins Bewegung in Deutschland so unglaublich wichtig. Denn allein in ihrer Facebook-Gruppe sind mittlerweile fast 50.000 Frauen, die man so ziemlich alles fragen kann in Bezug auf Geld.

Am Schluss, so Barbara Stanny, wird man als finanziell unabhängige Frau mit dem Wissen belohnt, dass man etwas bewirken kann. Denn nur wer finanziell unabhängig ist, kann sich auch um andere Menschen kümmern. Sei es in Form von Geldspenden oder indem man seine eigene Zeit, sein Wissen etc. spendet. Und das ist für sie die wichtigste Erkenntnis aus ihren eigenen Erfahrungen.

Mein Fazit

„Prince Charming Isn’t Coming“ hielt für mich persönlich keine grundlegend neuen Erkenntnisse bereit, was aber einfach daran lag, dass ich schon einige Bücher zu dem Thema gelesen und den Online-Kurs von Madame Moneypenny absolviert habe. Natascha Wegelin greift aber oft auf das Buch zurück, allein bei der Struktur ihrer eigenen Inhalte, das merkt man bei der Lektüre deutlich. Und das aus gutem Grund, denn Barbara Stanny legt damit den Grundstein für die finanzielle Bildung für Frauen. Ihr Buch bietet uns einen Einstieg in die Materie. Seit seinem Erscheinen sind allerdings 22 Jahre vergangen, weswegen es in mancher Hinsicht etwas veraltet ist. ETFs werden beispielsweise gar nicht erwähnt. Außerdem ist es in erster Linie für den US-amerikanischen Markt gedacht bzw. aus dieser Sicht heraus geschrieben. Wer daher ein Buch zum Einstieg sucht, das etwas jüngeren Datums ist und den Umständen in Deutschland entspricht, dem sei „Madame Moneypenny – Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen können“ von Natascha Wegelin empfohlen. Wer danach eine genaue Anleitung sucht, wie man am besten in welche Anlageformen investiert, dem empfehle ich nochmal „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“ von Gerd Kommer. Daraus lernt man wirklich alles, was man wissen muss und fühlt sich danach auch in der Lage, das eigene Geld sinnvoll anzulegen. Wer dann immer noch Fragen hat, wende sich am besten an die Facebook-Gruppe von Madame Moneypenny oder gehe zu einem der vielen, vielen Treffen von Moneypennies überall in Deutschland. Wo die nächsten Treffen stattfinden, erfährst du zum Beispiel, wenn du dich für den Newsletter von Madame Moneypenny anmeldest. Viel Spaß 🙂

„Die Interessanten“ von Meg Wolitzer

Letztes Jahr las ich im Herbst „Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer, das erste Mal überhaupt, das ich ein Buch von ihr las. Und ich war beeindruckt. Gleich auf den ersten Seiten feuert die Autorin ein wahres sprachliches Feuerwerk ab. Ich konnte mich nicht erinnern, so etwas schon einmal gelesen zu haben. Mit der weiteren Geschichte und den Gründen für das Verhalten der Protagonistin hatte ich an einigen Stellen etwas Mühe, beschloss aber trotzdem, dass ich unbedingt mehr von Meg Wolitzer würde lesen müssen. Ich entschied mich für „Die Interessanten“, weil mir die Prämisse so gut gefiel. Wolitzer begleitet hier eine Gruppe von Freunden von ihrem16. Lebensjahr bis in ihr spätes Erwachsenenleben hinein. Was passiert in dieser Zeit mit den Figuren? Wie entwickeln sich ihre Leben und ihre Freundschaft? Wie verändern sie sich? Gelingt es ihnen, ihr Potential voll auszuschöpfen und ihre Träume zu verwirklichen? Ein vielversprechendes Buch über das Erwachsenwerden, auf das ich schon sehr gespannt war.

Und ich durfte gespannt sein. Im Juli 1974 stößt Julie „Jules“ Jacobson im Sommerlager „Spirit in the Woods“ zum auf sie elitär wirkenden Quintett um Goodman und Ash Wolf. Sie weiß selber nicht, womit sie diese Ehre verdient hat, doch ein trockener Kommentar von ihrer Seite sorgt dafür, dass sie in die Gruppe aufgenommen wird. Aus Julie wird Jules und danach ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Jules verbringt den tollsten Sommer ihres Lebens in diesem Camp. Ash, Goodman, Jonah, Ethan und Cathy erscheinen ihr wie Wesen von einer anderen Welt. Und sie ist mittendrin. Sie reden über europäische Autoren, haben für die Welt da draußen nur Ironie übrig und nennen sich selber „Die Interessanten“, weil ihr Leben noch voller Potential ist. Sie können alles werden, was sie nur wollen, davon sind sie überzeugt. Cathy beispielsweise ist eine überragende Tänzerin, Jonah der musikalisch talentierte Sohn einer bekannten Folk-Sängerin. Ethan wiederum ist ein begnadeter Trickfilm-Zeichner und die Wolfs sind eben die Wolfs. Kinder reicher Eltern, denen allein deswegen schon alle Türen offenstehen. Jules wiederum beschließt in diesem Sommer, Schauspielerin zu werden und an diesem Traum hält sie fest, solange sie kann.

Die Jahre vergehen und den ersten Bruch erlebt das Sextett in der Silvesternacht 1976, in der Goodman Cathy vergewaltigt. Ethan versucht als einziger für einige Jahre, mit Cathy in Kontakt zu bleiben. Ash kann Cathy einfach nicht glauben und Jules möchte ihre Freundin Ash nicht verärgern. Außerdem fühlte sie sich schon immer zu Goodman hingezogen und war eifersüchtig auf Cathy, als diese noch mit Goodman zusammen war. Bevor es zur Verhandlung kommt, taucht Goodman unter und wird einige Jahre lang nicht mehr gesehen.

Das Leben geht für das übrige Quartett weiter. Ethan, der Ash in dieser schwierigen Phase zur Seite stand, ist nun ihr fester Freund. Ein Umstand, den Jules immer noch nicht ganz versteht, auch wenn sie sich für die beiden freut. Sie selber lernt den Ultraschalltechniker Dennis Boyd kennen, gibt schweren Herzens ihre Schauspielambitionen auf und wechselt stattdessen zur Psychotherapie. Obwohl sie immer gut zu tun hat, ist das Geld dauernd knapp. Ganz anders sieht es hingegen bei Ethan und Ash aus. Ethan gelingt es als einzigem, seine Jugendträume wahr werden zu lassen: Seine eigene Zeichentrickserie, Figland, ist so erfolgreich, dass Ash und er bald im Geld schwimmen. Ash wiederum kann sich auf seinem Erfolg eine eigene Karriere als feministische Theaterregisseurin aufbauen. Immer, wenn die beiden ihre jährliche Weihnachtspost an Jules und Dennis verschicken, wird Jules von Neid überschwemmt. Mit den Jahren flaut dieses Gefühl etwas ab, aber es ist stets präsent. Obwohl Ash gleichzeitig weiterhin ihre beste Freundin ist. Jules hat oft das Gefühl, noch immer auf der Suche nach etwas zu sein, einer kreativen Berufung und Anerkennung vermutlich. Deswegen überzeugt sie Dennis davon, einen Sommer lang das alte Camp zu führen. Doch auch das bringt nicht die erhoffte Erfüllung. Am Ende steht für sie die Erkenntnis: „Man konnte von seiner Besessenheit ablassen, interessant sein zu wollen.“

Mein Fazit

„Die Interessanten“ ist ein weiterer beeindruckender Roman von Meg Wolitzer. Sie schreibt spannend, fesselnd und authentisch. „Die Interessanten“ ist nicht so sprachgewaltig geworden wie „Die Ehefrau“, aber darauf lag auch nicht der Fokus. Ihr Ziel war es, einen großen amerikanischen Gesellschaftsroman zu schreiben und das ist ihr hiermit gelungen. Denn natürlich fließt auch immer wieder der jeweilige Zeitgeist in die Geschichte mit ein. Sie scheut es nicht, ihre Figuren in einem unvorteilhaften, aber menschlichen Licht zu zeigen. Sie geht den großen Themen des Lebens nach und zeigt, welche Aspekte sich im Laufe der Zeit ändern – oder eben auch nicht. Ein unterhaltsames, teils nachdenklich stimmendes Werk von einer überaus interessanten Autorin.

„Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky

Dieses Buch war einer meiner zufälligen Glücksgriffe in der Bücherei. Mir kam der Name der Autorin irgendwie bekannt vor (mir fiel hinterher ein, dass ich schon „Nenn mich einfach Superheld“ von ihr gelesen hatte, das mir jedoch nicht ganz so gut gefallen hatte) und der Klappentext sprach mich an. Außerdem scheinen Bücher über Zöpfe derzeit hochaktuell und beliebt zu sein und so würde ich wenigstens bei einem dieser Bücher mitreden können 😉 Die Wahl war ausgesprochen gut und der Klappentext versprach nicht zu viel. Damit du auch mitreden kannst, erzähle ich dir geschwind…

…worum es geht:

Max ist knapp sechs Jahre alt, als er mit seinen Großeltern von Russland nach Deutschland kommt und dort Asyl erhält. Dafür haben sie extra so getan, als seien sie Juden, weswegen sie in Deutschland nun auch jeden Freitagabend in die Synagoge gehen. Um ihren Juden-Status aufrecht zu erhalten und weil es dort immer ein kostenloses Buffet gibt. An den antisemitischen Haltung der Oma den Juden gegenüber ändert das jedoch nichts.

Es zerriss sie [die Oma] förmlich, sich bei Zusammenstößen mit den [hauptsächlich jüdischen] Nachbarn bestimmte Schimpfwörter verkneifen zu müssen.

Aus „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky, S. 6

Max‘ Oma ist überaus vorsichtig mit ihrem Enkel. Sie ist bei jedem seiner Geburtstage auf’s Neue überrascht, dass er immer noch unter ihnen weilt, denn sie ist überzeugt davon, dass er an irgendeiner Krankheit frühzeitig sterben wird. Sein Essen serviert sie ihm stets nur püriert, an seinen Geburtstagskuchen und anderen Süßigkeiten darf er immer nur riechen und er hat in Russland fast mehr Zeit in Arztpraxen und Krankenhäusern verbracht als außerhalb. Überraschenderweise erklärt ihn der Kinderarzt in Deutschland jedoch für völlig gesund. Alles Quacksalber, sagt die Oma, und noch schlimmer als die Kurpfuscher in Russland.

Sie wird erst nachlässig, als Max in Deutschland in die Schule und zum Klavierunterricht bei Nina geht. In die Schule wurde Max die ersten Wochen täglich von der Oma begleitet, die auch im Unterricht dabei sein wollte. Bis es ihr zu langweilig wurde und sie ihren Beobachterposten an Ninas Tochter Vera übergab, die darauf achtgeben sollte, dass Max nichts passierte. Vera ließ sich von Max‘ Oma bezahlen und sorgte dann persönlich dafür, dass er mit blauen Flecken nach Hause kam. Als der Großvater Max eines Tages zu Nina begleitet, bekommt Max sein allererstes Eis. Dass er daran nicht augenblicklich krepiert, lässt ihn am Wahrheitsgehalt der Behauptungen seiner Oma erstmals zweifeln. Kurz darauf entdeckt er, dass er Geld aus dem Portemonnaie seiner Oma stibitzen kann, ohne dass es ihr auffällt. Endlich kann er sich all seine Süßigkeitenträume erfüllen. Die Oma wiederum wertet seinen Gewichtszuwachs als Bestätigung ihrer Ernährungsweise. Max lässt sie in dem Glauben.

Was er jedoch schließlich nicht mehr vor ihr verheimlichen kann ist, dass sein Opa sich verliebt hat.

Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mein Großvater sich verliebte. Er war in meinen Augen ein uralter Mensch – die fünfzig bereits überschritten -, und sein neues, zartes Geheimnis überrollte mich mit einer Welle der Bewunderung, in die sich Schadenfreude mischte. Bis dahin hatte ich mich als das einzige Problem meiner Großmutter gehalten. Ich ahnte, dass die Großmutter nichts davon mitkriegen sollte. Sie hatte schon bei geringeren Anlässen gedroht, den Großvater umzubringen, zum Beispiel wenn er beim Abendessen das Brot zerkrümelte.

Aus „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky, S. 5

Verliebt hat sich der Opa in Nina. Und einen Sohn bekommen sie auch noch, der dem Opa wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Da lässt sich nichts mehr leugnen. Die Oma ist zunächst verletzt, doch das hält nicht lange an. Und der Opa zieht auch nicht aus. Stattdessen zieht Tschingis jr. bald bei ihnen ein, weil Nina scheinbar an einer Postnatalen Depression leidet. Tschingis großzuziehen ist, genauso wie auch Max großzuziehen, die erfüllendste Aufgabe für Max‘ Oma – auch wenn sie das nie zugeben würde. Außerdem hat sie bei Max damit das Gefühl, eine Schuld bei ihrer verstorbenen Tochter Maya zu begleichen.

Alina Bronsky versammelt auch hier wieder einige schrullige Charaktere, die viel Charme besitzen und gemeinsam alle Höhen und Tiefen des Lebens meistern. Und mittendrin Max, der langsam erwachsen wird, zwischen den Erwachsenen vermitteln muss und dabei herauszufinden versucht, wer er ist und wohin er gehört.

„Kaum jemand kann so böse, so witzig und rasant von eigenwilligen und doch so liebenswerten Charakteren erzählen wie Alina Bronsky“, steht am Ende des Klappentextes und dieser Einschätzung schließe ich mich nach der Lektüre von „Der Zopf meiner Großmutter“ gerne an.

Cover von „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky

„Leere Herzen“ von Juli Zeh

Auf dem Weg zur letztjährigen Buchmesse in Frankfurt las ich das allererste Mal ein Buch von Juli Zeh. „Neujahr“ war gerade erst erschienen und ich war noch nicht in Frankfurt angekommen, da hatte ich es schon zu Ende gelesen. Zuvor hatte ich eine Kurzgeschichte von ihr in der Beilage meiner Zeitung entdeckt. Aufgabe für sie und einige weitere Autoren war es gewesen, aus einer fiktiven Annonce eine Geschichte zu machen und ich saß bewundernd und staunend da und las, was Juli Zeh dazu eingefallen war. Mich faszinierte und fesselte ihr Schreibstil, mir gefiel, welche grundsätzlichen Gedanken und Überlegungen den Hintergrund bildeten. „Neujahr“ fesselte mich ebenso sehr, wie es die Kurzgeschichte vermocht hatte, auch wenn es sich hierbei um eine dunkle Faszination handelte. Zusammen mit dem Protagonisten wurde ich in den Abgrund gezogen, den seine Kindheit bildet. Und wieder staunte ich über die große Erzählkunst von Juli Zeh. In der Bücherei lieh ich mir vor einigen Wochen nun „Leere Herzen“ aus, das 2017 bei Luchterhand erschien.

Cover von „Leere Herzen“ von Juli Zeh
Worum es geht

Wir schreiben das Jahr 2025. Merkel musste vor einigen Jahren zurücktreten und seit den darauf folgenden Neuwahlen ist die BBB, die Besorgte-Bürger-Bewegung, an der Macht. Mittlerweile sind sie bei ihrem fünften Effizienzpaket angekommen, mit dem der Föderalismus abgeschafft werden soll. Die Zahl der Verfassungsrichter wurde bereits auf drei reduziert, statt einer 5 %-Hürde gibt es jetzt eine 15 %-Hürde, kurz: Sie arbeiten an der Abschaffung der Demokratie. Protest gibt es jedoch nur vereinzelt. Politikverdrossenheit ätzt durch alle Schichten. Bei einer Umfrage gab eine deutliche Mehrheit an, sie würde sich, wenn sie wählen müsste, für die Waschmaschine statt für das Wahlrecht entscheiden.

Die wenigen verbliebenen Denker haben sich in die Blogs zurückgezogen, wo sie in einer Kombination aus Selbstanklage und Schuldzuweisung noch immer darüber streiten, wer für den Siegeszug der BBB verantwortlich ist.

Aus „Leere Herzen“ von Juli Zeh, S. 275

Britta würde sich zwar nicht für ihre Waschmaschine entscheiden, ist in den letzten Jahren allerdings auch nicht wählen gegangen. Von ihrer früheren Begeisterung für die Politik, den Diskurs, ist wenig übriggeblieben.

Es liegt am Paradoxien-Schmerz. Demokratieverdrossene Nicht-Wähler gewinnen Wahlen, während engagierte Demokraten mit dem Wählen aufhören. […] Zwischen Paradoxien findet der menschliche Geist keinen Platz, Britta kann nicht mehr Wähler oder Bürger sein, nicht einmal Kunde und Konsument, sondern nur noch Dienstleister, Angehöriger eines Serviceteams, das die kollektive Reise in den Abgrund unterstützend begleitet.

Aus „Leere Herzen“ von Juli Zeh, S. 276 f.

Sie durchschaut sich selbst, denkt aber trotzdem, sie sei besser als ihre Freunde, die ihre eigenen Motive nicht erkennen. Doch sie wird gezwungen, ihr Leben, ihre Überzeugungen, Werte und ihre Beziehungen zu überdenken. Und sie muss sich entscheiden, ob sie weiter die Rolle der passiven Beobachterin einnehmen möchte, oder ob sie sich in Zukunft wieder aktiv für die Demokratie, den Pluralismus, den Diskurs etc. einsetzen möchte.

Mehr möchte ich zum Inhalt des Buches gar nicht verraten, um nicht die ein oder andere Überraschung vorwegzunehmen.

Mein Fazit

Wieder einmal hat mich Juli Zeh absolut umgehauen. Sie analysiert unsere jetzige Situation kritisch und äußerst zutreffend und entwirft ein gar nicht so abwegiges Zukunftsszenario. Sie appelliert an ihre Leser, sich nicht vom öffentlichen Diskurs zurückzuziehen und anderen das Feld zu überlassen, sondern sich für unsere hart erarbeiteten Werte und Rechte stark zu machen, statt sie leichtfertig zu behandeln und zu vernachlässigen. Appell verstanden, Frau Zeh! Diese Botschaft verpackt sie sprachlich elegant und fesselnd in eine spannende Geschichte, die man kaum mehr aus der Hand legen kann. Ein absolut empfehlenswertes Buch von einer großartigen Autorin!

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson

Vor zwei Jahren las ich im Urlaub „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ den wahnsinnig erfolgreichen Debütroman von Jonas Jonasson. Das Buch hatte ich schon lange lesen wollen und weil ich mein Ferienbuch bereits gelesen hatte, freute ich mich über den glücklichen Umstand, dass ebendieses Buch von Gästen oder den Vermietern in der Ferienwohnung zurückgelassen worden war. Und was hatte ich für eine Freude an der urkomischen Lebensgeschichte von Allan Karlsson! Wer das Buch noch nicht gelesen hat, dem sei es hiermit wärmstens empfohlen. Gleiches kann ich nun auch sagen für „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, das zweite Buch von Jonas Jonasson, den „großartigsten Fabulierkünstler, den die Literaturwelt kennt“, wie die Hamburger Morgenpost zu Recht einmal schrieb.

Cover von „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson
Worum es geht

Jonasson verknüpft hier die Lebensgeschichten der Südafrikanerin Nombeko Mayeki und des Schweden Holger Qvist. Nombeko wird in Soweto zur Zeit der Apartheid geboren und muss schon früh selbstständig werden. Sie ist intelligent, schlagfertig und ein Genie in Mathematik. Deshalb wird sie mit vierzehn Jahren zur Chefin der Latrinenleerungstruppe. Nachdem sie dem alten Lüstling Thabo mit einer Schere gezeigt hat, was sie von seinen Annäherungsversuchen hält, lässt sie sich (im Beisein einer zweiten Schere) von ihm das Lesen beibringen. Ihrem Wissensdurst folgend, verlässt sie mit fünfzehn Jahren ihre Wellblechhütte, um sich durch die Bibliothek von Pretoria zu lesen. Leider wird sie auf dem Weg dorthin von dem versoffenen Ingenieur Engelbrecht van der Westhuizen überfahren. Obwohl der mit seinem Auto und in alkoholisiertem Zustand nichts auf dem Gehweg verloren hatte, wird Nombeko vom Gericht zu sieben Jahren Arbeit im Hause des Ingenieurs verurteilt. Gut verteidigen kann sie sich nicht, denn ihr Kiefer ist gebrochen und so wird sie Putzfrau des Ingenieurs.

Etwa zur gleichen Zeit wie Nombeko wird Holger Qvist in Schweden geboren – zusammen mit seinem eineiigen Zwillingsbruder Holger. Die Idee, beide Jungen Holger zu nennen, stammt von ihrem Vater, Ingmar Qvist, den zwei Begegnungen mit dem schwedischen König psychisch arg zugesetzt haben. Das erste Mal begegnete Ingmar dem König als kleiner Junge, woraufhin er zu einem brennenden Verehrer von ebendiesem wurde. Sein innigster Wunsch war es viele Jahre lang, dem König erneut zu begegnen und er scheute weder die hart erarbeiteten Mittel seiner Frau noch Wege, um dieses Ziel zu erreichen. Als es ihm schließlich gelang, erwischte er den König an einem schlechten Tag und wurde mit dem königlichen Spazierstock traktiert. Daraufhin schlug seine brennende Verehrung um in eiskalte Verachtung und den innigen Wunsch, den König zu stürzen und die Monarchie zu beenden. Solch ein Vorhaben braucht jedoch Geduld und langen Atem und deswegen brauchte er sofort einen Nachkommen, der sein Ziel weiterverfolgen würde, sollte es ihm zu Lebzeiten nicht gelingen, es zu erreichen. Als nun einige Zeit später Zwillingsjungen geboren wurden im Hause Qvist, entschied der Herr Papa, beide Holger zu nennen, aber nur einen zu melden – so würde er immer einen in Reserve haben. Außerdem würden sich die Jungen so in der Schule abwechseln können, sodass er sie daheim auch in republikanischer Lehre würde unterrichten können. Und so wuchs Holger Zwei, der sich später einmal in Nombeko verlieben würde, im Schatten seines Bruders auf, der als einziger von beiden offiziell existierte und dem Papa schon früh nacheiferte. Ganz im Gegensatz zu Holger Zwei, den schon früh Zweifel an den Plänen seines Vaters beschlichen und der sich nichts sehnlicher wünschte, als ein normales Leben. Doch damit würde es noch eine Weile dauern.

Nombeko fand in der Zwischenzeit auch allerlei zu lernen in der etwas veralteten Bücherei des Ingenieurs. Der wohnte auf einem Hochsicherheitsgelände und war verantwortlich für den Bau von Südafrikas Atombomben, derer es sechs geben sollte. Leider war der Ingenieur absolut inkompetent, auch wenn er nüchtern war, was selten vorkam, und so fiel die Aufgabe, das Atomwaffenprogramm voranzutreiben, Nombeko zu. Nicht, dass sie großes Interesse daran hatte, Südafrika mit Atombomben zu versorgen. Sie rechnete sich aber keine allzu großen Überlebenschancen aus, sollte die Regierung die weitere Zusammenarbeit mit dem Ingenieur vorzeitig beenden. So half sie dem unfähigen Ingenieur über die Jahre, seine Atombomben zu bauen. Doch der Ingenieur verschlief es nach dem Bau der sechsten Bombe, seinen Arbeitern Einhalt zu gebieten und so gab es plötzlich auch eine siebte Bombe, die es ja eigentlich gar nicht geben durfte. In der Zwischenzeit hatte sich das politische Klima zu wandeln begonnen und die weiße Minderheit, die an der Regierung war, hatte kein Interesse daran, einer schwarzen Regierung, zu der es wohl oder übel demnächst kommen würde, fertige Atombomben zu überlassen. Weswegen Südafrika als erstes Land nach dem Bau seiner Bomben das IAEO um Hilfe bei der Zerstörung ebenjener bat. Allerdings war auch hier immer nur die Rede von sechs Bomben, denn von der siebten wussten ja nur Nombeko und der Ingenieur. Letzterer dachte sich, dass er mit dem Verkauf dieser siebten Bombe seinen Ruhestand absichern könnte, denn ob eine schwarze Regierung dazu bereit wäre, ihm diesen zu finanzieren, war etwas fraglich. Leider ging er bei der Suche nach einem Käufer so ungeschickt vor, dass sich die zwei Mossad-Agenten, die ihm beim Bau der Bomben unterstützt hatten, gezwungen sahen, seinen Lebensabend drastisch zu verkürzen. Nombeko wusste, dass auch ihr Ende in greifbare Nähe gerückt war und verhandelte mit den Agenten A und B erfolgreich ihre Ausreise aus Südafrika nach Schweden sowie 10 kg Antilopenfleisch, die sie in Schweden erhalten sollte, im Austausch für die Bombe, die an Israel geschickt werden sollte.

In Schweden traf sie vor dem Asylheim dann auf Holger Zwei, der ihr gleich sympathisch erschien und der gerne bereit war, sie zur israelischen Botschaft zu bringen, um ihr Antilopenfleisch abzuholen. Doch leider waren beim Versand der beiden Pakete die Etiketten vertauscht worden, sodass Holger Zwei versehentlich die Atombombe in seinen Laster lud, während Nombeko vorne die Papiere unterschrieb. Die Bombe zurück zur Botschaft zu bringen, kam für Holger Zwei nicht infrage, doch behalten konnte er sie schließlich auch schlecht. Nicht auszudenken, was Holger Eins damit anstellen würde, wenn er von ihr erführe.

Und so dauert es noch eine ganze Weile, bis Holger Zwei beginnen kann, offiziell zu existieren und ein normales Leben zu führen. Aber immerhin hat er dabei seine wunderbare Nombeko an seiner Seite, die immer einen kühlen Kopf behält, es sei denn Nummer Eins triezt sie so sehr, dass sie ihm gründlich die Nase umdrehen muss.

Mehr will ich hier gar nicht verraten. Aber ich hoffe, dass meine knappe Zusammenfassung dir schon Lust darauf machen konnte, das Buch zu lesen. Der SWR schrieb: „Ein Feuerwerk an Ideen, herrlich schräg, zum Weglachen und genial erzählt.“ Und diesen Worten kann ich mich nur anschließen.

„Der kleine Ritter Trenk“ von Kirsten Boie

Leibeigen geboren, leibeigen gestorben, leibeigen ein Leben lang.“ Mit diesem Spruch wächst Trenk Tausendschlag auf, ein Junge, der mit seinem Vater Haug, seiner Mutter Martha, seiner kleinen Schwester Mia-Mina und seinem Schwein Ferkelchen in einer kleinen Kate wohnt und für den wütigen Ritter Wertolt ein karges Feld bestellen muss. Meist ernten sie nicht einmal genug, um sich selbst satt zu machen. Ein Zins für den Ritter bleibt somit auch nicht übrig und daher stammt auch der Nachname der Familie: Tausendschlag, weil sein Vater sicherlich schon tausendmal Prügel vom Ritter Wertolt bezogen hat.

Cover von „Der kleine Ritter Trenk“ von Kirsten Boie

Auch jetzt wird der Vater wieder vom Büttel abgeholt und Trenk fasst in dieser Nacht den Entschluss, das Schicksal seiner Familie zu wenden. Er hat nämlich gehört, dass man frei ist, wenn man ein Jahr unentdeckt in der Stadt gelebt hat. Wenn ihm das gelingt, will er ein Haus für seine Familie bauen und sie zu sich holen, damit sie alle frei vom Ritter Wertolt sind. Also zieht er noch in der gleichen Nacht mit Ferkelchen los, um sein Glück in der Stadt zu versuchen.

Dort trifft er auf den Ritterjungen Zink Zeterling, der ein Feigling und eine Memme ist und sich weigern will, sich zum Ritter ausbilden zu lassen. Denn dann müsse er gegen den bösen Drachen kämpfen und davor hat er viel zu viel Angst. Deswegen versucht er, seinem Vater wegzulaufen, der ihn jedoch mit Trenks Hilfe wieder einfängt. Zinks Vater ist verzweifelt. Schon morgen soll er seinen Sohn zu seinem Schwager bringen, der ihn ausbilden soll, doch sein Sohn wird ihm nur Schimpf und Schande machen. Wenn er wenigstens ein kleines bisschen mehr wie Trenk wäre… In diesem Moment haben Trenk und der Ritter Dietz vom Durgelstein die gleiche Idee: Was wäre, wenn sich Trenk als Sohn des Ritters ausgeben würde?

Und so beginnt Trenks Zeit auf der Burg Hohenlob, wo ihn der Ritter Hans unter seine Fittiche nimmt. In der Tochter des Ritters, der mutigen Thekla, findet Trenk eine gewiefte Verbündete, die ihn aus so manchem Schlamassel befreit und ihm sogar hilft, gegen den gefährlichen Drachen zu Felde zu ziehen. Immer heimlich, versteht sich, denn eigentlich soll sie sticken und Harfe spielen und Suppe kochen, damit ihr Vater später einen geeigneten Bräutigam für sie findet. Aber davon hält Thekla nichts. Sticken, Harfe spielen, Suppe kochen, ja Pustekuchen! Gemeinsam bestehen die beiden allerlei Abenteuer und schlagen zuletzt sogar den wütigen Ritter Wertolt.

„Der kleine Ritter Trenk“ wurde mir von meiner Mama empfohlen und jetzt war es endlich soweit, dass ich ihn vorlesen konnte. Es ist ein spannendes Kinderbuch, das man auch als Erwachsener kaum aus der Hand legen mag. So gern möchte man wissen, wie es mit Trenk und Thekla und Ferkelchen weitergeht. Kirsten Boie nimmt uns Leser in diesem Buch eng an die Hand, spricht mit uns und erklärt uns allerlei über das Mittelalter und die Umstände, unter denen Trenk leben musste. Mit Thekla hat sie sich ein tolle Heldin ausgedacht, die Mädchen ein großartiges Vorbild ist. Denn wie Trenk gibt sich auch Thekla mit ihrer Situation nicht zufrieden und setzt alles daran, ihr Schicksal zu ändern. Dabei gehen sie beide gewitzt und kreativ vor. Auch viele der anderen Figuren im Buch sind äußerst liebenswert: der gemütliche Ritter Hans, die Gauklertruppe, die Räuberbande, die zu den treuesten Burgmannen des Ritters Hans wird und der gütige und weise Fürst.

Scheinbar war „Der kleine Ritter Trenk“ zunächst als alleinstehendes Buch geplant, doch glücklicherweise hat Kirsten Boie noch vier weitere Bücher über ihn geschrieben und ich kann es kaum erwarten, sie ebenfalls vorlesen zu dürfen.

„Deutsches Haus“ von Annette Hess

Dieser Roman kommt genau zur richtigen Zeit“, sagt Iris Berben über „Deutsches Haus“, das 2018 bei Ullstein erschien. Und warum das so ist, erzähle ich dir jetzt.

Worum es geht

Der Roman spielt in Frankfurt im Jahr 1963. Eva, die Tochter der Wirtsleute Edith und Ludwig Bruhns, ist gelernte Dolmetscherin für Polnisch und Deutsch und steht kurz vor der Verlobung mit dem Unternehmerssohn Jürgen Schoormann. Eines Abends wird sie von ihrer Agentur angerufen und gebeten, bei einer Zeugenbefragung zu dolmetschen. Was der Mann aus Polen an jenem Abend schildert, lässt Eva verstört und verwirrt zurück. Er berichtet von seinen traumatischen Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz und Eva kann kaum glauben, was sie da hört. Warum weiß sie nichts davon? Der Krieg ist doch schon fast zwanzig Jahre her. Warum redet niemand darüber?

Tatsächlich ist die Generalstaatsanwaltschaft im Begriff, den ersten Auschwitz-Prozess vorzubereiten, und nach anfänglichem Zögern reift in Eva der Entschluss, an diesem Prozess als Dolmetscherin teilzuhaben. Sie will mit ihren Eltern darüber reden, doch die verfallen jedes Mal in tiefes Schweigen oder wenden sich ab, wenn sie das Thema anspricht. Die Zeitungen, die sie sich fortan kauft und intensiv liest, wirft ihre Mutter weg, wenn sie sie sieht. Ihre Eltern sind gegen Evas Wunsch, die Zeugenaussagen zu dolmetschen, ebenso wie Jürgen, ihr Verlobter. Eva weiß nicht, woher ihre Entschlossenheit kommt, aber sie hilft ihr, sich gegen die Eltern und den Verlobten durchzusetzen.

Das Buch begann zunächst etwas holprig, zumindest hatte ich Mühe, mich in die Geschichte hineinzufinden. Das lag vor allem an den Figuren, die mir in ihrem Verhalten so fremd waren. Was irgendwo normal ist, schließlich waren die Zeiten damals noch anders und entsprechend gestalteten sich gerade Beziehungen anders als heute. Und Annette Hess hat sich recht stereotype Rollenbilder der damaligen Zeit zum Vorbild genommen. So will Jürgen, ein eher abweisender Mann, derjenige sein, der in der Ehe den Ton angibt. Eva soll ihm in allem brav und unterwürfig folgen. Zunächst hat sie nichts dagegen, aber durch den Prozess löst sie sich von diesen Vorgaben und auch von Jürgen, was dem Buch gut tat. Evas ältere Schwester wiederum arbeitet als Krankenschwester auf der Säuglingsstation und sucht sich dort regelmäßig Neugeborene aus, denen sie etwas in die Milch mischt, das die Kinder krank macht. Anschließend päppelt sie die Kinder dann wieder auf. Es gefällt ihr, gebraucht zu werden. Meiner Meinung nach wäre das Buch ohne diesen gestörten Teil besser ausgekommen. So viel zu den Sachen, mit denen ich Mühe hatte.

Wie bereits angedeutet, nimmt uns Annette Hess mit auf eine Zeitreise in ein Deutschland, das sich vom Krieg erholt hatte und wieder auf dem Weg zu Wohlstand und Ruhe war und dessen Gesellschaft überwiegend keinerlei Bedürfnis nach Aufklärung und Rechtsprechung der Vergangenheit hatte. Sie wollten nichts wissen von der Shoa, von den Ereignissen in den Ghettos, den Konzentrationslagern und all den anderen Gräueltaten. Das Wissen um diese Zeit, das wir heute als selbstverständlich ansehen, musste damals erst mühsam und gegen viele Widerstände gewonnen werden, um es späteren Generationen zugänglich zu machen. Damals wurde den Opfern des Holocaust kaum Glauben geschenkt, zu unglaublich erschienen den Deutschen die Berichte, die sie zu hören bekamen.

Eva ist eine derjenigen, die wissen will, was damals geschah und die den Menschen helfen will, gehört zu werden. Warum das so ist, wird ihr selber erst im Verlauf des Prozesses klar. Sie war zur Zeit des Krieges noch ein kleines Kind, ihre Erinnerungen sind entsprechend verschwommen. Aber nach und nach wird ihr klar, dass sie mit ihrer Familie damals in Auschwitz wohnte, wo ihr Vater die Offiziere bekochte. Ein polnischer Häftling schnitt ihr die Haare. Von ihm lernte sie auch, wie man auf polnisch zählt. Es gibt ein Bild, das ihre ältere Schwester, die weiterhin alles verdrängt und es Eva übel nimmt, dass sie die Vergangenheit aufwühlt, von ihrem damaligen Haus malte, das ebenfalls auf dem Gelände stand. Als Eva ihre Eltern damit konfrontiert, fragen sie Eva, was sie denn hätten machen sollen? Sie hätten doch keine andere Wahl gehabt als Teil des Systems zu bleiben. Wer weiß, wie es ihnen sonst ergangen wäre. Also haben sie weggeschaut. Und genau das ist der Grund, vermute ich, warum Iris Berben gesagt hat, das Buch käme genau zur richtigen Zeit. Und das ist es auch, was dieses Buch lesenswert macht. Es zeigt, wie leicht es ist, sich innerhalb eines Systems zu verstecken, sich selbst zum Opfer der Umstände zu machen und jegliche Schuld von sich zu weisen. Es zeigt aber auch, dass wir immer die Wahl haben. Auch wenn es bequemer ist, wegzuschauen, sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass wir uns damit mitschuldig machen. Wir sollten uns darum bemühen, unsere Geschichte nicht zu vergessen, damit wir nicht wieder die gleichen Fehler machen und dabei helfen, ein menschenverachtendes System aufzubauen. Wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, dafür sind wir selbst verantwortlich.

Cover von „Deutsches Haus“ von Annette Hess