„Little Women“ von Louisa May Alcott

Louisa May Alcotts Klassiker „Little Women“ war seinerzeit Teil meines Buchpakets – mehr oder weniger – feministischer Texte, wenn ich mich recht entsinne. Auch hier hat mich die (neuerliche) Verfilmung des Stoffes dazu animiert, das Buch zu lesen. Damit ich anschließend mit kritischem Blick den Film schauen kann, auf den ich mich im Übrigen schon sehr freue. Allein die Besetzung klingt vielversprechend: Greta Gerwig, die zuletzt als Regisseurin von „Lady Bird“ Furore machte, hat das Drehbuch zu „Little Women“ geschrieben, führt Regie und arbeitet hier mit Meryl Streep (Aunt March), Saoirse Ronan (Jo), Emma Watson (Meg), Timothée Chalamet (Laurie), Laura Dern (Mary March) und vielen weiteren großartigen Schauspielern zusammen. Aber in meiner Vorfreude – der Film erscheint am 25. Dezember 2019 – verzettel ich mich hier. Ich wollte dir doch von dem Buch „Little Women“ erzählen.

Cover der Vintage-Classics-Ausgabe von Louisa May Alcotts „Little Women“
Worum es geht

Weihnachten wird dieses Jahr einfach nicht dasselbe sein für die Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy March. Ihr Vater ist in den Bürgerkrieg gezogen und die Familie hat einen Großteil ihres Besitzes verloren. Die siebzehnjährige Meg arbeitet seither als Gouvernante der Familie King, die sechzehnjährige Jo geht ihrer herrischen Tante March zur Hand, Beth hilft tüchtig im eigenen Haushalt mit und Amy, das Nesthäkchen, geht noch zur Schule. Ein Jahr lang dürfen wir die Schwestern begleiten, ihnen bei ihren Pflichten und Freizeitvergnügen zuschauen, an ihren Erfolgen und Misserfolgen teilhaben, mit ihnen lernen und lachen und erwachsen werden. Es ist ein ereignisreiches Jahr, und Mary March unterstützt ihre Mädchen nach Kräften auf ihrem Weg.

Meg hadert am meisten mit dem verlorenen Reichtum der Familie und der Tatsache, dass sie nun arbeiten und ihre zarten weißen Hände benutzen muss, die ihr ganzer Stolz sind. Aber wie auch ihre Schwestern ist sie pragmatisch veranlagt, und sie erkennt, dass Reichtum längst nicht alles ist.

Jo ist längst nicht so eitel wie Meg. Im Gegensatz zu Meg hat sie aber auch nur einen physischen Vorzug und das ist ihre Haarpracht. Jo wäre am liebsten ein Junge, dann hätte sie mit ihrem Vater in den Krieg ziehen können, das hätte ihr gefallen. Sie ist quirlig, immer in Bewegung und ihr großer Traum ist es, Schriftstellerin zu werden. Jo ist es auch, die kurzerhand den Enkel ihres Nachbarn, Mr Laurence, in ihren Kreis mit aufnimmt. Laurie dankt es ihr mit treuer Freundschaft und vielen neuen Ideen für Streiche und Vergnügungen.

Es ist die pure Freude, dieses Buch zu lesen! Die Welt der March-Schwestern ist noch so überschaubar, ihr Leben nicht einfach, aber voller Weisheiten, von denen sich manche auch auf die heutige Zeit anwenden lassen. Natürlich sind die Ideale, die darin an Frauen und Männer gestellt werden, veraltet, trotzdem ist der Text für die damalige Zeit recht fortschrittlich, vermute ich. Schließlich verdienen die Mädchen ihr eigenes Geld und werden ermuntert, ihren eigenen Weg zu gehen.

Louisa May Alcott (1832-1888) hat die Fortsetzung von „Little Women“ vom Erfolg des Debüts abhängig gemacht und drei Folgebände geschrieben: „Good Wives“, „Jo’s Boys“ und „Little Men“. Und ich weiß daher auch schon, was ich in der Weihnachtszeit als nächstes lesen werde 😉

„Lethal White – A Strike Novel“ von Robert Galbraith

Ich bin verzweifelt, weil ich nicht weiß, was ich als nächstes lesen soll. Warum? Weil ich zuletzt „Lethal White“ von Robert Galbraith gelesen habe, den vierten Band über den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Partnerin Robin Ellacott. Am liebsten würde ich jetzt den nächsten Band lesen, den es aber leider noch nicht gibt. Oder die Filmreihe schauen (die ersten drei Bände sind nämlich schon verfilmt worden. Ob sie gut sind, weiß ich allerdings noch nicht.) Alles, um noch ein bisschen länger in dieser Welt verweilen zu können. Denn mich einfach dem nächsten Buch zuzuwenden, scheint unvorstellbar. Ein klarer Fall: Ich leide unter einem „book hangover“, einem Bücherkater oder Bücherjammer könnte man sagen.

In der Regel schaffen es nur wenige Bücher, dass ich mich so in ihnen verlieren kann, dass mir die Rückkehr in die Realität schwer fällt. Aber J. K. Rowling gelingt es jedes Mal. Sie hat die Strike-Romane unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasst, von daher ist es nicht verwunderlich, dass ich so fasziniert bin von der Geschichte und ihren Figuren.

Cover von „Lethal White“ von Robert Galbraith
Worum es geht

Wie schon erwähnt ist „Lethal White“, zu Deutsch „Weißer Tod“, der lang ersehnte vierte Band der Reihe. Der erste, „Der Ruf des Kuckucks“, erschien Ende April 2013, die beiden Folgebände, „Der Seidenspinner“ und „Die Ernte des Bösen“, in den Jahren 2014 und 2016. Im Mittelpunkt der Reihe steht Cormoran Strike, ein Kriegsveteran, der seine Erfahrung als Sonderermittler der Militärpolizei nun für seine eigene Detektei einsetzt. Im ersten Band ist er auf der Suche nach einer Aushilfskraft, und Robin Ellacott wird ihm von einer Agentur geschickt. Robin wollte schon als Kind Polizistin werden, wurde von ihren Brüdern aber immer nur ausgelacht. Ihrem Verlobten, Matthew, hat sie daher nie etwas von ihrem Wunsch erzählt, aber der Beruf fasziniert sie immer noch. Es dauert nicht lange und sie wird Strikes Partnerin in der Detektei. Die beiden sind ein hervorragendes Team und fühlen sich auch abseits der Arbeit zueinander hingezogen.

Der vierte Band beginnt genau da, wo der dritte aufhörte. Man findet nach der Wartezeit somit wieder schnell Zugang zu der Geschichte. Es ist das bislang umfangreichste Werk der Reihe, würde ich meinen, was auch daran liegt, dass Robins und Strikes jeweiligem Privatleben viel Raum gewidmet wird. Der Fall selbst ist recht komplex und beginnt damit, dass Strike in seinem Büro von einem jungen, offenbar psychisch kranken Mann aufgesucht wird, der behauptet, als Kind habe er einen Mord beobachtet. Der junge Mann flieht, als Strike ihm weitere Fragen stellen will. Seine Geschichte lässt Strike jedoch keine Ruhe. Auf der Suche nach ihm geraten er und Robin zunächst in einen Erpressungsfall, der einen Minister des Parlaments betrifft, später wird aus der Erpressung ein Mord und es stellt sich die Frage: Haben dieser Mord und der Mord, den Billy vor 20 Jahren beobachtet haben will, etwas miteinander zu tun? Und gelingt es Robin und Strike, beide aufzuklären, Billy zu finden, Ruhe in ihr turbulentes Privatleben zu bringen und ihre Freundschaft zu retten?

Mehr will ich gar nicht verraten, um dir die Freude an der Lektüre nicht zu verderben. Die richtige Jahreszeit, um die Serie zu entdecken, ist jetzt, und ich wünsche dir viel Vergnügen dabei. Aber eine kleine Warnung gebe ich dir noch mit auf den Weg: Das Suchtpotential ist groß und wann der fünfte Band erscheinen wird, ist noch nicht bekannt.

„Frau im Dunkeln“ von Elena Ferrante

Elena Ferrante ist ja seit einiger Zeit in aller Munde. Ihre Saga aus Neapel, die mit „Meine geniale Freundin“ begann, ist ein weltweiter Bestseller und auch ihre anderen Bücher werden seither viel gelobt und beachtet. Von einer Freundin wurde mir letztens „Frau im Dunkeln“ ausgeliehen, das bereits 2007 erstmals auf Deutsch erschien und von dem ich dir heute erzählen möchte.

Worum es geht

Leda ist Ende Vierzig. Ihre beiden Töchter sind bereits erwachsen und leben seit einiger Zeit bei ihrem Vater in Kanada. Leda genießt es, allein zu sein, nur für sich sorgen zu müssen. Schon oft hat sie sich seither sagen lassen, dass sie besser und jünger ausschaut als sie eigentlich ist.

Aus einem Impuls heraus hat sie entschieden, diese Sommerferien am Meer zu verbringen und dort die Seminararbeiten zu korrigieren, die sich auf ihrem Schreibtisch stapeln. Am ersten Tag der Ferien packt sie alles in ihr Auto und fährt zu dem kleinen Ort, den sie sich nach eingehender Recherche ausgesucht hat. Giovanni, ein älterer Herr, führt sie dort in ihre Ferienwohnung, in der sogar eine Schale mit frischem Obst steht. Doch bei genauerer Betrachtung stellt sie fest, dass unter einigen frischen Früchten alte, verschimmelnde Früchte liegen. Ein Omen, möchte man am Schluss der Lektüre sagen.

Der Strand liegt in den nächsten Tagen recht ruhig da und Leda schiebt die Zweifel, die sie bereits beschlichen, beiseite. Doch dann beobachtet sie Nina, eine junge Frau, etwa zwanzig Jahre alt, die am Strand mit ihrer drei oder vier Jahre alten Tochter und deren Puppe spielt. Beide wirken so eins, sich selbst genug, dass Leda über ihr eigenes Leben, ihre eigene Mutterrolle nachzudenken beginnt. Als dann am Wochenende auch noch Ninas laute neapolitanische Familie an den Strand kommt, wird Leda endgültig mit Erinnerungen überschwemmt, auch an ihre eigene Kindheit.

Leda bricht im folgenden ihren äußeren Schein auf und schaut auf ihr dunkelstes Inneres. Das Gleiche geschieht später auch bei Nina, denn auch dort ist nicht alles so, wie es scheint. Katalysator für beide Häutungen ist, dass Leda die Puppe von Ninas Tochter im Sand findet und einfach mit nach Hause nimmt, statt sie zurückzugeben. Bei Leda ruft die Puppe Erinnerungen wach, Ninas Tochter wird über den Verlust der geliebten Puppe krank und setzt somit auch ihrer Mutter zu.

Elena Ferrante schreibt gut und zieht uns mit ihren Geschichten in den Bann. Aber mir fällt auf, dass sie sich in ihren Büchern besonders gern mit den negativen Emotionen und Bildern beschäftigt. Sicherlich ist Muttersein kein Zuckerschlecken und einige der Gedanken, die Leda in dieser Zeit hatte, kommen der ein oder anderen bestimmt auch bekannt vor. Aber das ist ja nicht alles. Ebenso wie in der Obstschale gute und schlechte Früchte lagen, hat man in seinem ganzen Leben gute und schlechte Phasen oder Momente. Und diese guten Erlebnisse blendet Elena Ferrante aus, habe ich den Eindruck. Oder sie werden von negativen Ereignissen überlagert. Man braucht daher für die Lektüre ihrer Bücher ein dickes Fell oder man bzw. frau sollte sich vorher schon seelisch darauf einstellen, dass harte Kost auf uns wartet 😉

„Where’d you go, Bernadette“ von Maria Semple

Im August dieses Jahres erschien der Film „Wo steckst du Bernadette“ in den deutschen Kinos. Ich hatte die Vorschau davon gesehen (Cate Blanchett spielt Bernadette!) und darin las ich meinen Lieblingssatz: Basierend auf dem gleichnamigen Roman. Juchu und juche, es gab ein „neues“ Buch für mich zu lesen. Denn die Vorschau klang bereits vielversprechend, auch wenn ich jetzt, bei neuerlicher Sichtung und nach der Lektüre, vermute, dass sie im Film einige Sachen geändert haben. Aber was soll’s? Schließlich möchte ich dir hier von dem Buch erzählen und damit lege ich auch sofort los.

Cover von „Where’d you go, Bernadette“ von Maria Semple
Worum es geht

Bernadette Fox war eine aufstrebende junge Architektin. Sie hatte gerade einen hochdotierten Architekturpreis erhalten für ihr Twenty Mile House, ein Wohnhaus erbaut aus Materialien, die alle aus der näheren Umgebung stammten. Ein ökologisches, nachhaltiges Haus, noch bevor beide Worte zu einer Bewegung geworden waren. Bernadette Fox war ein Star. Und dann verschwand sie.

Zwanzig Jahre später lebt sie ein zurückgezogenes, ruhiges Leben in Seattle mit ihrem Mann Elgie und ihrer fünfzehnjährigen Tochter, Bee. Elgie arbeitet bei Microsoft an der Entwicklung eine Software namens Samantha 2, die es uns ermöglichen soll, unser Leben quasi durch Kraft unserer Gedanken zu steuern. Vor einigen Jahren hielt er einen TEDtalk, der bereits so oft geschaut wurde, das er auf Platz Vier der meistgesehenen TEDtalks steht. Bee heißt eigentlich Balakrishna, ein Name, für den ihre Mutter damals gute Gründe hatte, doch es gibt nun auch gute Gründe, sie nur Bee zu nennen. Bee ist ebenso intelligent wie ihre Eltern und hat es sich in den Kopf gesetzt, im kommenden Schuljahr in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten und deren früheres Internat zu besuchen. Bernadette gönnt es ihr von Herzen, doch wird es ihr nicht leichtfallen, Bee gehen zu lassen.

Denn Bee ist zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Nach ihrer Ankunft in Seattle hatte Bernadette mehrere Fehlgeburten. Bee selbst kam mit einem schweren Herzfehler zur Welt und Bernadette schwor, dass sie nie wieder ein Haus entwerfen würde, wenn es nur bedeute, dass Bee gesund werde und bliebe. Daran hat sie sich bis heute gehalten. Doch wie ein Kollege von früher ihr nun so kurz und prägnant schreibt:

People like you must create. If you don’t create, Bernadette, you will become a menace to society.

„Where’d you go, Bernadette“ von Maria Semple, S. 133

Tatsächlich scheint sie eine Gefahr für ihre Familie zu werden. Denn ihr Wunsch, so wenig wie möglich mit den lästigen Müttern aus Bees Klasse und generell den Menschen in Seattle zu tun zu haben, hat sie veranlasst, beinah alle Familienangelegenheiten in die Hände einer ihr unbekannten Frau namens Manjula Kapoor in Indien zu legen. Dazu gehört auch die Familienreise in die Antarktis zu Weihnachten in wenigen Wochen. Ein Wunsch, den Bee geäußert hat. Manjula kümmert sich tadellos um alle Angelegenheiten, doch plötzlich steht das FBI in Elgies Büro und teilt ihm mit, dass sich hinter der Agentur, die seine Frau beauftragt hat, eine mafiöse Gruppe aus Russland verbirgt, die mittlerweile im Besitz aller wichtigen Kreditkarten- und persönlichen Informationen seiner Familie ist. Elgie ist völlig verdattert. Er versteht Bernadette schon lange nicht mehr, weil beide kaum noch Zeit miteinander verbringen. Nachdem ihm das FBI noch weitere private E-Mails von Bernadette gezeigt hat, kommt er zu dem Schluss, sie sei suizidgefährdet. Er veranlasst eine Intervention am Tag vor der geplanten Abreise zur Antarktis, mit dem Ziel, Bernadette stationär einweisen zu lassen.

Als Bernadette erkennt, was er vorhat, verschwindet sie abermals urplötzlich. Das FBI und die Polizei können sie nicht finden. Die Reise zur Antarktis fällt für Bee und Elgie aus, stattdessen geht Bee schon im Januar auf die neue Schule. Dort erhält sie einen Brief, in dem alle E-Mails und sonstige Nachrichten enthalten sind, die mit dem Verschwinden ihrer Mutter zu tun haben. Und Bee beginnt, ein Buch über das Leben und das Verschwinden ihrer Mutter zu schreiben, an dessen Ende noch einige Überraschungen auf sie warten.

Bernadette Fox ist eine Protagonistin, die mir richtig gut gefallen hat. Sie ist schräg, hat eine Menge Macken, sie ist eine interessante, intelligente, einfallsreiche und schlagfertige Frau, eine liebevolle und hingebungsvolle Mutter, die ihre Tochter in jeder Hinsicht unterstützt, und sie überrascht den Leser immer wieder auf’s Neue. Sie ist umgeben von Menschen, die allesamt etwas hysterisch wirken – mit Ausnahme von Bee natürlich. Das fand ich etwas anstrengend, muss ich sagen. Denn Bernadette hätte nicht verschwinden müssen, wenn allein ihr Mann sich einfach normal mit ihr unterhalten hätte. Aber dann wäre natürlich auch die Geschichte nicht so verlaufen, wie sie verlaufen ist. Glücklicherweise sind Elgie, Audrey und die anderen Nebenfiguren im letzten Drittel wieder nüchtern und normal, sodass ich mich mit ihnen versöhnen konnte und nun sagen kann, dass ich mich bei der Lektüre von „Where’d you go, Bernadette“ gut amüsiert habe.

„Die Interessanten“ von Meg Wolitzer

Letztes Jahr las ich im Herbst „Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer, das erste Mal überhaupt, das ich ein Buch von ihr las. Und ich war beeindruckt. Gleich auf den ersten Seiten feuert die Autorin ein wahres sprachliches Feuerwerk ab. Ich konnte mich nicht erinnern, so etwas schon einmal gelesen zu haben. Mit der weiteren Geschichte und den Gründen für das Verhalten der Protagonistin hatte ich an einigen Stellen etwas Mühe, beschloss aber trotzdem, dass ich unbedingt mehr von Meg Wolitzer würde lesen müssen. Ich entschied mich für „Die Interessanten“, weil mir die Prämisse so gut gefiel. Wolitzer begleitet hier eine Gruppe von Freunden von ihrem16. Lebensjahr bis in ihr spätes Erwachsenenleben hinein. Was passiert in dieser Zeit mit den Figuren? Wie entwickeln sich ihre Leben und ihre Freundschaft? Wie verändern sie sich? Gelingt es ihnen, ihr Potential voll auszuschöpfen und ihre Träume zu verwirklichen? Ein vielversprechendes Buch über das Erwachsenwerden, auf das ich schon sehr gespannt war.

Und ich durfte gespannt sein. Im Juli 1974 stößt Julie „Jules“ Jacobson im Sommerlager „Spirit in the Woods“ zum auf sie elitär wirkenden Quintett um Goodman und Ash Wolf. Sie weiß selber nicht, womit sie diese Ehre verdient hat, doch ein trockener Kommentar von ihrer Seite sorgt dafür, dass sie in die Gruppe aufgenommen wird. Aus Julie wird Jules und danach ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Jules verbringt den tollsten Sommer ihres Lebens in diesem Camp. Ash, Goodman, Jonah, Ethan und Cathy erscheinen ihr wie Wesen von einer anderen Welt. Und sie ist mittendrin. Sie reden über europäische Autoren, haben für die Welt da draußen nur Ironie übrig und nennen sich selber „Die Interessanten“, weil ihr Leben noch voller Potential ist. Sie können alles werden, was sie nur wollen, davon sind sie überzeugt. Cathy beispielsweise ist eine überragende Tänzerin, Jonah der musikalisch talentierte Sohn einer bekannten Folk-Sängerin. Ethan wiederum ist ein begnadeter Trickfilm-Zeichner und die Wolfs sind eben die Wolfs. Kinder reicher Eltern, denen allein deswegen schon alle Türen offenstehen. Jules wiederum beschließt in diesem Sommer, Schauspielerin zu werden und an diesem Traum hält sie fest, solange sie kann.

Die Jahre vergehen und den ersten Bruch erlebt das Sextett in der Silvesternacht 1976, in der Goodman Cathy vergewaltigt. Ethan versucht als einziger für einige Jahre, mit Cathy in Kontakt zu bleiben. Ash kann Cathy einfach nicht glauben und Jules möchte ihre Freundin Ash nicht verärgern. Außerdem fühlte sie sich schon immer zu Goodman hingezogen und war eifersüchtig auf Cathy, als diese noch mit Goodman zusammen war. Bevor es zur Verhandlung kommt, taucht Goodman unter und wird einige Jahre lang nicht mehr gesehen.

Das Leben geht für das übrige Quartett weiter. Ethan, der Ash in dieser schwierigen Phase zur Seite stand, ist nun ihr fester Freund. Ein Umstand, den Jules immer noch nicht ganz versteht, auch wenn sie sich für die beiden freut. Sie selber lernt den Ultraschalltechniker Dennis Boyd kennen, gibt schweren Herzens ihre Schauspielambitionen auf und wechselt stattdessen zur Psychotherapie. Obwohl sie immer gut zu tun hat, ist das Geld dauernd knapp. Ganz anders sieht es hingegen bei Ethan und Ash aus. Ethan gelingt es als einzigem, seine Jugendträume wahr werden zu lassen: Seine eigene Zeichentrickserie, Figland, ist so erfolgreich, dass Ash und er bald im Geld schwimmen. Ash wiederum kann sich auf seinem Erfolg eine eigene Karriere als feministische Theaterregisseurin aufbauen. Immer, wenn die beiden ihre jährliche Weihnachtspost an Jules und Dennis verschicken, wird Jules von Neid überschwemmt. Mit den Jahren flaut dieses Gefühl etwas ab, aber es ist stets präsent. Obwohl Ash gleichzeitig weiterhin ihre beste Freundin ist. Jules hat oft das Gefühl, noch immer auf der Suche nach etwas zu sein, einer kreativen Berufung und Anerkennung vermutlich. Deswegen überzeugt sie Dennis davon, einen Sommer lang das alte Camp zu führen. Doch auch das bringt nicht die erhoffte Erfüllung. Am Ende steht für sie die Erkenntnis: „Man konnte von seiner Besessenheit ablassen, interessant sein zu wollen.“

Mein Fazit

„Die Interessanten“ ist ein weiterer beeindruckender Roman von Meg Wolitzer. Sie schreibt spannend, fesselnd und authentisch. „Die Interessanten“ ist nicht so sprachgewaltig geworden wie „Die Ehefrau“, aber darauf lag auch nicht der Fokus. Ihr Ziel war es, einen großen amerikanischen Gesellschaftsroman zu schreiben und das ist ihr hiermit gelungen. Denn natürlich fließt auch immer wieder der jeweilige Zeitgeist in die Geschichte mit ein. Sie scheut es nicht, ihre Figuren in einem unvorteilhaften, aber menschlichen Licht zu zeigen. Sie geht den großen Themen des Lebens nach und zeigt, welche Aspekte sich im Laufe der Zeit ändern – oder eben auch nicht. Ein unterhaltsames, teils nachdenklich stimmendes Werk von einer überaus interessanten Autorin.

„Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky

Dieses Buch war einer meiner zufälligen Glücksgriffe in der Bücherei. Mir kam der Name der Autorin irgendwie bekannt vor (mir fiel hinterher ein, dass ich schon „Nenn mich einfach Superheld“ von ihr gelesen hatte, das mir jedoch nicht ganz so gut gefallen hatte) und der Klappentext sprach mich an. Außerdem scheinen Bücher über Zöpfe derzeit hochaktuell und beliebt zu sein und so würde ich wenigstens bei einem dieser Bücher mitreden können 😉 Die Wahl war ausgesprochen gut und der Klappentext versprach nicht zu viel. Damit du auch mitreden kannst, erzähle ich dir geschwind…

…worum es geht:

Max ist knapp sechs Jahre alt, als er mit seinen Großeltern von Russland nach Deutschland kommt und dort Asyl erhält. Dafür haben sie extra so getan, als seien sie Juden, weswegen sie in Deutschland nun auch jeden Freitagabend in die Synagoge gehen. Um ihren Juden-Status aufrecht zu erhalten und weil es dort immer ein kostenloses Buffet gibt. An den antisemitischen Haltung der Oma den Juden gegenüber ändert das jedoch nichts.

Es zerriss sie [die Oma] förmlich, sich bei Zusammenstößen mit den [hauptsächlich jüdischen] Nachbarn bestimmte Schimpfwörter verkneifen zu müssen.

Aus „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky, S. 6

Max‘ Oma ist überaus vorsichtig mit ihrem Enkel. Sie ist bei jedem seiner Geburtstage auf’s Neue überrascht, dass er immer noch unter ihnen weilt, denn sie ist überzeugt davon, dass er an irgendeiner Krankheit frühzeitig sterben wird. Sein Essen serviert sie ihm stets nur püriert, an seinen Geburtstagskuchen und anderen Süßigkeiten darf er immer nur riechen und er hat in Russland fast mehr Zeit in Arztpraxen und Krankenhäusern verbracht als außerhalb. Überraschenderweise erklärt ihn der Kinderarzt in Deutschland jedoch für völlig gesund. Alles Quacksalber, sagt die Oma, und noch schlimmer als die Kurpfuscher in Russland.

Sie wird erst nachlässig, als Max in Deutschland in die Schule und zum Klavierunterricht bei Nina geht. In die Schule wurde Max die ersten Wochen täglich von der Oma begleitet, die auch im Unterricht dabei sein wollte. Bis es ihr zu langweilig wurde und sie ihren Beobachterposten an Ninas Tochter Vera übergab, die darauf achtgeben sollte, dass Max nichts passierte. Vera ließ sich von Max‘ Oma bezahlen und sorgte dann persönlich dafür, dass er mit blauen Flecken nach Hause kam. Als der Großvater Max eines Tages zu Nina begleitet, bekommt Max sein allererstes Eis. Dass er daran nicht augenblicklich krepiert, lässt ihn am Wahrheitsgehalt der Behauptungen seiner Oma erstmals zweifeln. Kurz darauf entdeckt er, dass er Geld aus dem Portemonnaie seiner Oma stibitzen kann, ohne dass es ihr auffällt. Endlich kann er sich all seine Süßigkeitenträume erfüllen. Die Oma wiederum wertet seinen Gewichtszuwachs als Bestätigung ihrer Ernährungsweise. Max lässt sie in dem Glauben.

Was er jedoch schließlich nicht mehr vor ihr verheimlichen kann ist, dass sein Opa sich verliebt hat.

Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mein Großvater sich verliebte. Er war in meinen Augen ein uralter Mensch – die fünfzig bereits überschritten -, und sein neues, zartes Geheimnis überrollte mich mit einer Welle der Bewunderung, in die sich Schadenfreude mischte. Bis dahin hatte ich mich als das einzige Problem meiner Großmutter gehalten. Ich ahnte, dass die Großmutter nichts davon mitkriegen sollte. Sie hatte schon bei geringeren Anlässen gedroht, den Großvater umzubringen, zum Beispiel wenn er beim Abendessen das Brot zerkrümelte.

Aus „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky, S. 5

Verliebt hat sich der Opa in Nina. Und einen Sohn bekommen sie auch noch, der dem Opa wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Da lässt sich nichts mehr leugnen. Die Oma ist zunächst verletzt, doch das hält nicht lange an. Und der Opa zieht auch nicht aus. Stattdessen zieht Tschingis jr. bald bei ihnen ein, weil Nina scheinbar an einer Postnatalen Depression leidet. Tschingis großzuziehen ist, genauso wie auch Max großzuziehen, die erfüllendste Aufgabe für Max‘ Oma – auch wenn sie das nie zugeben würde. Außerdem hat sie bei Max damit das Gefühl, eine Schuld bei ihrer verstorbenen Tochter Maya zu begleichen.

Alina Bronsky versammelt auch hier wieder einige schrullige Charaktere, die viel Charme besitzen und gemeinsam alle Höhen und Tiefen des Lebens meistern. Und mittendrin Max, der langsam erwachsen wird, zwischen den Erwachsenen vermitteln muss und dabei herauszufinden versucht, wer er ist und wohin er gehört.

„Kaum jemand kann so böse, so witzig und rasant von eigenwilligen und doch so liebenswerten Charakteren erzählen wie Alina Bronsky“, steht am Ende des Klappentextes und dieser Einschätzung schließe ich mich nach der Lektüre von „Der Zopf meiner Großmutter“ gerne an.

Cover von „Der Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky

„Leere Herzen“ von Juli Zeh

Auf dem Weg zur letztjährigen Buchmesse in Frankfurt las ich das allererste Mal ein Buch von Juli Zeh. „Neujahr“ war gerade erst erschienen und ich war noch nicht in Frankfurt angekommen, da hatte ich es schon zu Ende gelesen. Zuvor hatte ich eine Kurzgeschichte von ihr in der Beilage meiner Zeitung entdeckt. Aufgabe für sie und einige weitere Autoren war es gewesen, aus einer fiktiven Annonce eine Geschichte zu machen und ich saß bewundernd und staunend da und las, was Juli Zeh dazu eingefallen war. Mich faszinierte und fesselte ihr Schreibstil, mir gefiel, welche grundsätzlichen Gedanken und Überlegungen den Hintergrund bildeten. „Neujahr“ fesselte mich ebenso sehr, wie es die Kurzgeschichte vermocht hatte, auch wenn es sich hierbei um eine dunkle Faszination handelte. Zusammen mit dem Protagonisten wurde ich in den Abgrund gezogen, den seine Kindheit bildet. Und wieder staunte ich über die große Erzählkunst von Juli Zeh. In der Bücherei lieh ich mir vor einigen Wochen nun „Leere Herzen“ aus, das 2017 bei Luchterhand erschien.

Cover von „Leere Herzen“ von Juli Zeh
Worum es geht

Wir schreiben das Jahr 2025. Merkel musste vor einigen Jahren zurücktreten und seit den darauf folgenden Neuwahlen ist die BBB, die Besorgte-Bürger-Bewegung, an der Macht. Mittlerweile sind sie bei ihrem fünften Effizienzpaket angekommen, mit dem der Föderalismus abgeschafft werden soll. Die Zahl der Verfassungsrichter wurde bereits auf drei reduziert, statt einer 5 %-Hürde gibt es jetzt eine 15 %-Hürde, kurz: Sie arbeiten an der Abschaffung der Demokratie. Protest gibt es jedoch nur vereinzelt. Politikverdrossenheit ätzt durch alle Schichten. Bei einer Umfrage gab eine deutliche Mehrheit an, sie würde sich, wenn sie wählen müsste, für die Waschmaschine statt für das Wahlrecht entscheiden.

Die wenigen verbliebenen Denker haben sich in die Blogs zurückgezogen, wo sie in einer Kombination aus Selbstanklage und Schuldzuweisung noch immer darüber streiten, wer für den Siegeszug der BBB verantwortlich ist.

Aus „Leere Herzen“ von Juli Zeh, S. 275

Britta würde sich zwar nicht für ihre Waschmaschine entscheiden, ist in den letzten Jahren allerdings auch nicht wählen gegangen. Von ihrer früheren Begeisterung für die Politik, den Diskurs, ist wenig übriggeblieben.

Es liegt am Paradoxien-Schmerz. Demokratieverdrossene Nicht-Wähler gewinnen Wahlen, während engagierte Demokraten mit dem Wählen aufhören. […] Zwischen Paradoxien findet der menschliche Geist keinen Platz, Britta kann nicht mehr Wähler oder Bürger sein, nicht einmal Kunde und Konsument, sondern nur noch Dienstleister, Angehöriger eines Serviceteams, das die kollektive Reise in den Abgrund unterstützend begleitet.

Aus „Leere Herzen“ von Juli Zeh, S. 276 f.

Sie durchschaut sich selbst, denkt aber trotzdem, sie sei besser als ihre Freunde, die ihre eigenen Motive nicht erkennen. Doch sie wird gezwungen, ihr Leben, ihre Überzeugungen, Werte und ihre Beziehungen zu überdenken. Und sie muss sich entscheiden, ob sie weiter die Rolle der passiven Beobachterin einnehmen möchte, oder ob sie sich in Zukunft wieder aktiv für die Demokratie, den Pluralismus, den Diskurs etc. einsetzen möchte.

Mehr möchte ich zum Inhalt des Buches gar nicht verraten, um nicht die ein oder andere Überraschung vorwegzunehmen.

Mein Fazit

Wieder einmal hat mich Juli Zeh absolut umgehauen. Sie analysiert unsere jetzige Situation kritisch und äußerst zutreffend und entwirft ein gar nicht so abwegiges Zukunftsszenario. Sie appelliert an ihre Leser, sich nicht vom öffentlichen Diskurs zurückzuziehen und anderen das Feld zu überlassen, sondern sich für unsere hart erarbeiteten Werte und Rechte stark zu machen, statt sie leichtfertig zu behandeln und zu vernachlässigen. Appell verstanden, Frau Zeh! Diese Botschaft verpackt sie sprachlich elegant und fesselnd in eine spannende Geschichte, die man kaum mehr aus der Hand legen kann. Ein absolut empfehlenswertes Buch von einer großartigen Autorin!