„Leere Herzen“ von Juli Zeh

Auf dem Weg zur letztjährigen Buchmesse in Frankfurt las ich das allererste Mal ein Buch von Juli Zeh. „Neujahr“ war gerade erst erschienen und ich war noch nicht in Frankfurt angekommen, da hatte ich es schon zu Ende gelesen. Zuvor hatte ich eine Kurzgeschichte von ihr in der Beilage meiner Zeitung entdeckt. Aufgabe für sie und einige weitere Autoren war es gewesen, aus einer fiktiven Annonce eine Geschichte zu machen und ich saß bewundernd und staunend da und las, was Juli Zeh dazu eingefallen war. Mich faszinierte und fesselte ihr Schreibstil, mir gefiel, welche grundsätzlichen Gedanken und Überlegungen den Hintergrund bildeten. „Neujahr“ fesselte mich ebenso sehr, wie es die Kurzgeschichte vermocht hatte, auch wenn es sich hierbei um eine dunkle Faszination handelte. Zusammen mit dem Protagonisten wurde ich in den Abgrund gezogen, den seine Kindheit bildet. Und wieder staunte ich über die große Erzählkunst von Juli Zeh. In der Bücherei lieh ich mir vor einigen Wochen nun „Leere Herzen“ aus, das 2017 bei Luchterhand erschien.

Cover von „Leere Herzen“ von Juli Zeh
Worum es geht

Wir schreiben das Jahr 2025. Merkel musste vor einigen Jahren zurücktreten und seit den darauf folgenden Neuwahlen ist die BBB, die Besorgte-Bürger-Bewegung, an der Macht. Mittlerweile sind sie bei ihrem fünften Effizienzpaket angekommen, mit dem der Föderalismus abgeschafft werden soll. Die Zahl der Verfassungsrichter wurde bereits auf drei reduziert, statt einer 5 %-Hürde gibt es jetzt eine 15 %-Hürde, kurz: Sie arbeiten an der Abschaffung der Demokratie. Protest gibt es jedoch nur vereinzelt. Politikverdrossenheit ätzt durch alle Schichten. Bei einer Umfrage gab eine deutliche Mehrheit an, sie würde sich, wenn sie wählen müsste, für die Waschmaschine statt für das Wahlrecht entscheiden.

Die wenigen verbliebenen Denker haben sich in die Blogs zurückgezogen, wo sie in einer Kombination aus Selbstanklage und Schuldzuweisung noch immer darüber streiten, wer für den Siegeszug der BBB verantwortlich ist.

Aus „Leere Herzen“ von Juli Zeh, S. 275

Britta würde sich zwar nicht für ihre Waschmaschine entscheiden, ist in den letzten Jahren allerdings auch nicht wählen gegangen. Von ihrer früheren Begeisterung für die Politik, den Diskurs, ist wenig übriggeblieben.

Es liegt am Paradoxien-Schmerz. Demokratieverdrossene Nicht-Wähler gewinnen Wahlen, während engagierte Demokraten mit dem Wählen aufhören. […] Zwischen Paradoxien findet der menschliche Geist keinen Platz, Britta kann nicht mehr Wähler oder Bürger sein, nicht einmal Kunde und Konsument, sondern nur noch Dienstleister, Angehöriger eines Serviceteams, das die kollektive Reise in den Abgrund unterstützend begleitet.

Aus „Leere Herzen“ von Juli Zeh, S. 276 f.

Sie durchschaut sich selbst, denkt aber trotzdem, sie sei besser als ihre Freunde, die ihre eigenen Motive nicht erkennen. Doch sie wird gezwungen, ihr Leben, ihre Überzeugungen, Werte und ihre Beziehungen zu überdenken. Und sie muss sich entscheiden, ob sie weiter die Rolle der passiven Beobachterin einnehmen möchte, oder ob sie sich in Zukunft wieder aktiv für die Demokratie, den Pluralismus, den Diskurs etc. einsetzen möchte.

Mehr möchte ich zum Inhalt des Buches gar nicht verraten, um nicht die ein oder andere Überraschung vorwegzunehmen.

Mein Fazit

Wieder einmal hat mich Juli Zeh absolut umgehauen. Sie analysiert unsere jetzige Situation kritisch und äußerst zutreffend und entwirft ein gar nicht so abwegiges Zukunftsszenario. Sie appelliert an ihre Leser, sich nicht vom öffentlichen Diskurs zurückzuziehen und anderen das Feld zu überlassen, sondern sich für unsere hart erarbeiteten Werte und Rechte stark zu machen, statt sie leichtfertig zu behandeln und zu vernachlässigen. Appell verstanden, Frau Zeh! Diese Botschaft verpackt sie sprachlich elegant und fesselnd in eine spannende Geschichte, die man kaum mehr aus der Hand legen kann. Ein absolut empfehlenswertes Buch von einer großartigen Autorin!

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson

Vor zwei Jahren las ich im Urlaub „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ den wahnsinnig erfolgreichen Debütroman von Jonas Jonasson. Das Buch hatte ich schon lange lesen wollen und weil ich mein Ferienbuch bereits gelesen hatte, freute ich mich über den glücklichen Umstand, dass ebendieses Buch von Gästen oder den Vermietern in der Ferienwohnung zurückgelassen worden war. Und was hatte ich für eine Freude an der urkomischen Lebensgeschichte von Allan Karlsson! Wer das Buch noch nicht gelesen hat, dem sei es hiermit wärmstens empfohlen. Gleiches kann ich nun auch sagen für „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, das zweite Buch von Jonas Jonasson, den „großartigsten Fabulierkünstler, den die Literaturwelt kennt“, wie die Hamburger Morgenpost zu Recht einmal schrieb.

Cover von „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson
Worum es geht

Jonasson verknüpft hier die Lebensgeschichten der Südafrikanerin Nombeko Mayeki und des Schweden Holger Qvist. Nombeko wird in Soweto zur Zeit der Apartheid geboren und muss schon früh selbstständig werden. Sie ist intelligent, schlagfertig und ein Genie in Mathematik. Deshalb wird sie mit vierzehn Jahren zur Chefin der Latrinenleerungstruppe. Nachdem sie dem alten Lüstling Thabo mit einer Schere gezeigt hat, was sie von seinen Annäherungsversuchen hält, lässt sie sich (im Beisein einer zweiten Schere) von ihm das Lesen beibringen. Ihrem Wissensdurst folgend, verlässt sie mit fünfzehn Jahren ihre Wellblechhütte, um sich durch die Bibliothek von Pretoria zu lesen. Leider wird sie auf dem Weg dorthin von dem versoffenen Ingenieur Engelbrecht van der Westhuizen überfahren. Obwohl der mit seinem Auto und in alkoholisiertem Zustand nichts auf dem Gehweg verloren hatte, wird Nombeko vom Gericht zu sieben Jahren Arbeit im Hause des Ingenieurs verurteilt. Gut verteidigen kann sie sich nicht, denn ihr Kiefer ist gebrochen und so wird sie Putzfrau des Ingenieurs.

Etwa zur gleichen Zeit wie Nombeko wird Holger Qvist in Schweden geboren – zusammen mit seinem eineiigen Zwillingsbruder Holger. Die Idee, beide Jungen Holger zu nennen, stammt von ihrem Vater, Ingmar Qvist, den zwei Begegnungen mit dem schwedischen König psychisch arg zugesetzt haben. Das erste Mal begegnete Ingmar dem König als kleiner Junge, woraufhin er zu einem brennenden Verehrer von ebendiesem wurde. Sein innigster Wunsch war es viele Jahre lang, dem König erneut zu begegnen und er scheute weder die hart erarbeiteten Mittel seiner Frau noch Wege, um dieses Ziel zu erreichen. Als es ihm schließlich gelang, erwischte er den König an einem schlechten Tag und wurde mit dem königlichen Spazierstock traktiert. Daraufhin schlug seine brennende Verehrung um in eiskalte Verachtung und den innigen Wunsch, den König zu stürzen und die Monarchie zu beenden. Solch ein Vorhaben braucht jedoch Geduld und langen Atem und deswegen brauchte er sofort einen Nachkommen, der sein Ziel weiterverfolgen würde, sollte es ihm zu Lebzeiten nicht gelingen, es zu erreichen. Als nun einige Zeit später Zwillingsjungen geboren wurden im Hause Qvist, entschied der Herr Papa, beide Holger zu nennen, aber nur einen zu melden – so würde er immer einen in Reserve haben. Außerdem würden sich die Jungen so in der Schule abwechseln können, sodass er sie daheim auch in republikanischer Lehre würde unterrichten können. Und so wuchs Holger Zwei, der sich später einmal in Nombeko verlieben würde, im Schatten seines Bruders auf, der als einziger von beiden offiziell existierte und dem Papa schon früh nacheiferte. Ganz im Gegensatz zu Holger Zwei, den schon früh Zweifel an den Plänen seines Vaters beschlichen und der sich nichts sehnlicher wünschte, als ein normales Leben. Doch damit würde es noch eine Weile dauern.

Nombeko fand in der Zwischenzeit auch allerlei zu lernen in der etwas veralteten Bücherei des Ingenieurs. Der wohnte auf einem Hochsicherheitsgelände und war verantwortlich für den Bau von Südafrikas Atombomben, derer es sechs geben sollte. Leider war der Ingenieur absolut inkompetent, auch wenn er nüchtern war, was selten vorkam, und so fiel die Aufgabe, das Atomwaffenprogramm voranzutreiben, Nombeko zu. Nicht, dass sie großes Interesse daran hatte, Südafrika mit Atombomben zu versorgen. Sie rechnete sich aber keine allzu großen Überlebenschancen aus, sollte die Regierung die weitere Zusammenarbeit mit dem Ingenieur vorzeitig beenden. So half sie dem unfähigen Ingenieur über die Jahre, seine Atombomben zu bauen. Doch der Ingenieur verschlief es nach dem Bau der sechsten Bombe, seinen Arbeitern Einhalt zu gebieten und so gab es plötzlich auch eine siebte Bombe, die es ja eigentlich gar nicht geben durfte. In der Zwischenzeit hatte sich das politische Klima zu wandeln begonnen und die weiße Minderheit, die an der Regierung war, hatte kein Interesse daran, einer schwarzen Regierung, zu der es wohl oder übel demnächst kommen würde, fertige Atombomben zu überlassen. Weswegen Südafrika als erstes Land nach dem Bau seiner Bomben das IAEO um Hilfe bei der Zerstörung ebenjener bat. Allerdings war auch hier immer nur die Rede von sechs Bomben, denn von der siebten wussten ja nur Nombeko und der Ingenieur. Letzterer dachte sich, dass er mit dem Verkauf dieser siebten Bombe seinen Ruhestand absichern könnte, denn ob eine schwarze Regierung dazu bereit wäre, ihm diesen zu finanzieren, war etwas fraglich. Leider ging er bei der Suche nach einem Käufer so ungeschickt vor, dass sich die zwei Mossad-Agenten, die ihm beim Bau der Bomben unterstützt hatten, gezwungen sahen, seinen Lebensabend drastisch zu verkürzen. Nombeko wusste, dass auch ihr Ende in greifbare Nähe gerückt war und verhandelte mit den Agenten A und B erfolgreich ihre Ausreise aus Südafrika nach Schweden sowie 10 kg Antilopenfleisch, die sie in Schweden erhalten sollte, im Austausch für die Bombe, die an Israel geschickt werden sollte.

In Schweden traf sie vor dem Asylheim dann auf Holger Zwei, der ihr gleich sympathisch erschien und der gerne bereit war, sie zur israelischen Botschaft zu bringen, um ihr Antilopenfleisch abzuholen. Doch leider waren beim Versand der beiden Pakete die Etiketten vertauscht worden, sodass Holger Zwei versehentlich die Atombombe in seinen Laster lud, während Nombeko vorne die Papiere unterschrieb. Die Bombe zurück zur Botschaft zu bringen, kam für Holger Zwei nicht infrage, doch behalten konnte er sie schließlich auch schlecht. Nicht auszudenken, was Holger Eins damit anstellen würde, wenn er von ihr erführe.

Und so dauert es noch eine ganze Weile, bis Holger Zwei beginnen kann, offiziell zu existieren und ein normales Leben zu führen. Aber immerhin hat er dabei seine wunderbare Nombeko an seiner Seite, die immer einen kühlen Kopf behält, es sei denn Nummer Eins triezt sie so sehr, dass sie ihm gründlich die Nase umdrehen muss.

Mehr will ich hier gar nicht verraten. Aber ich hoffe, dass meine knappe Zusammenfassung dir schon Lust darauf machen konnte, das Buch zu lesen. Der SWR schrieb: „Ein Feuerwerk an Ideen, herrlich schräg, zum Weglachen und genial erzählt.“ Und diesen Worten kann ich mich nur anschließen.

„Der kleine Ritter Trenk“ von Kirsten Boie

Leibeigen geboren, leibeigen gestorben, leibeigen ein Leben lang.“ Mit diesem Spruch wächst Trenk Tausendschlag auf, ein Junge, der mit seinem Vater Haug, seiner Mutter Martha, seiner kleinen Schwester Mia-Mina und seinem Schwein Ferkelchen in einer kleinen Kate wohnt und für den wütigen Ritter Wertolt ein karges Feld bestellen muss. Meist ernten sie nicht einmal genug, um sich selbst satt zu machen. Ein Zins für den Ritter bleibt somit auch nicht übrig und daher stammt auch der Nachname der Familie: Tausendschlag, weil sein Vater sicherlich schon tausendmal Prügel vom Ritter Wertolt bezogen hat.

Cover von „Der kleine Ritter Trenk“ von Kirsten Boie

Auch jetzt wird der Vater wieder vom Büttel abgeholt und Trenk fasst in dieser Nacht den Entschluss, das Schicksal seiner Familie zu wenden. Er hat nämlich gehört, dass man frei ist, wenn man ein Jahr unentdeckt in der Stadt gelebt hat. Wenn ihm das gelingt, will er ein Haus für seine Familie bauen und sie zu sich holen, damit sie alle frei vom Ritter Wertolt sind. Also zieht er noch in der gleichen Nacht mit Ferkelchen los, um sein Glück in der Stadt zu versuchen.

Dort trifft er auf den Ritterjungen Zink Zeterling, der ein Feigling und eine Memme ist und sich weigern will, sich zum Ritter ausbilden zu lassen. Denn dann müsse er gegen den bösen Drachen kämpfen und davor hat er viel zu viel Angst. Deswegen versucht er, seinem Vater wegzulaufen, der ihn jedoch mit Trenks Hilfe wieder einfängt. Zinks Vater ist verzweifelt. Schon morgen soll er seinen Sohn zu seinem Schwager bringen, der ihn ausbilden soll, doch sein Sohn wird ihm nur Schimpf und Schande machen. Wenn er wenigstens ein kleines bisschen mehr wie Trenk wäre… In diesem Moment haben Trenk und der Ritter Dietz vom Durgelstein die gleiche Idee: Was wäre, wenn sich Trenk als Sohn des Ritters ausgeben würde?

Und so beginnt Trenks Zeit auf der Burg Hohenlob, wo ihn der Ritter Hans unter seine Fittiche nimmt. In der Tochter des Ritters, der mutigen Thekla, findet Trenk eine gewiefte Verbündete, die ihn aus so manchem Schlamassel befreit und ihm sogar hilft, gegen den gefährlichen Drachen zu Felde zu ziehen. Immer heimlich, versteht sich, denn eigentlich soll sie sticken und Harfe spielen und Suppe kochen, damit ihr Vater später einen geeigneten Bräutigam für sie findet. Aber davon hält Thekla nichts. Sticken, Harfe spielen, Suppe kochen, ja Pustekuchen! Gemeinsam bestehen die beiden allerlei Abenteuer und schlagen zuletzt sogar den wütigen Ritter Wertolt.

„Der kleine Ritter Trenk“ wurde mir von meiner Mama empfohlen und jetzt war es endlich soweit, dass ich ihn vorlesen konnte. Es ist ein spannendes Kinderbuch, das man auch als Erwachsener kaum aus der Hand legen mag. So gern möchte man wissen, wie es mit Trenk und Thekla und Ferkelchen weitergeht. Kirsten Boie nimmt uns Leser in diesem Buch eng an die Hand, spricht mit uns und erklärt uns allerlei über das Mittelalter und die Umstände, unter denen Trenk leben musste. Mit Thekla hat sie sich ein tolle Heldin ausgedacht, die Mädchen ein großartiges Vorbild ist. Denn wie Trenk gibt sich auch Thekla mit ihrer Situation nicht zufrieden und setzt alles daran, ihr Schicksal zu ändern. Dabei gehen sie beide gewitzt und kreativ vor. Auch viele der anderen Figuren im Buch sind äußerst liebenswert: der gemütliche Ritter Hans, die Gauklertruppe, die Räuberbande, die zu den treuesten Burgmannen des Ritters Hans wird und der gütige und weise Fürst.

Scheinbar war „Der kleine Ritter Trenk“ zunächst als alleinstehendes Buch geplant, doch glücklicherweise hat Kirsten Boie noch vier weitere Bücher über ihn geschrieben und ich kann es kaum erwarten, sie ebenfalls vorlesen zu dürfen.

„Deutsches Haus“ von Annette Hess

Dieser Roman kommt genau zur richtigen Zeit“, sagt Iris Berben über „Deutsches Haus“, das 2018 bei Ullstein erschien. Und warum das so ist, erzähle ich dir jetzt.

Worum es geht

Der Roman spielt in Frankfurt im Jahr 1963. Eva, die Tochter der Wirtsleute Edith und Ludwig Bruhns, ist gelernte Dolmetscherin für Polnisch und Deutsch und steht kurz vor der Verlobung mit dem Unternehmerssohn Jürgen Schoormann. Eines Abends wird sie von ihrer Agentur angerufen und gebeten, bei einer Zeugenbefragung zu dolmetschen. Was der Mann aus Polen an jenem Abend schildert, lässt Eva verstört und verwirrt zurück. Er berichtet von seinen traumatischen Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz und Eva kann kaum glauben, was sie da hört. Warum weiß sie nichts davon? Der Krieg ist doch schon fast zwanzig Jahre her. Warum redet niemand darüber?

Tatsächlich ist die Generalstaatsanwaltschaft im Begriff, den ersten Auschwitz-Prozess vorzubereiten, und nach anfänglichem Zögern reift in Eva der Entschluss, an diesem Prozess als Dolmetscherin teilzuhaben. Sie will mit ihren Eltern darüber reden, doch die verfallen jedes Mal in tiefes Schweigen oder wenden sich ab, wenn sie das Thema anspricht. Die Zeitungen, die sie sich fortan kauft und intensiv liest, wirft ihre Mutter weg, wenn sie sie sieht. Ihre Eltern sind gegen Evas Wunsch, die Zeugenaussagen zu dolmetschen, ebenso wie Jürgen, ihr Verlobter. Eva weiß nicht, woher ihre Entschlossenheit kommt, aber sie hilft ihr, sich gegen die Eltern und den Verlobten durchzusetzen.

Das Buch begann zunächst etwas holprig, zumindest hatte ich Mühe, mich in die Geschichte hineinzufinden. Das lag vor allem an den Figuren, die mir in ihrem Verhalten so fremd waren. Was irgendwo normal ist, schließlich waren die Zeiten damals noch anders und entsprechend gestalteten sich gerade Beziehungen anders als heute. Und Annette Hess hat sich recht stereotype Rollenbilder der damaligen Zeit zum Vorbild genommen. So will Jürgen, ein eher abweisender Mann, derjenige sein, der in der Ehe den Ton angibt. Eva soll ihm in allem brav und unterwürfig folgen. Zunächst hat sie nichts dagegen, aber durch den Prozess löst sie sich von diesen Vorgaben und auch von Jürgen, was dem Buch gut tat. Evas ältere Schwester wiederum arbeitet als Krankenschwester auf der Säuglingsstation und sucht sich dort regelmäßig Neugeborene aus, denen sie etwas in die Milch mischt, das die Kinder krank macht. Anschließend päppelt sie die Kinder dann wieder auf. Es gefällt ihr, gebraucht zu werden. Meiner Meinung nach wäre das Buch ohne diesen gestörten Teil besser ausgekommen. So viel zu den Sachen, mit denen ich Mühe hatte.

Wie bereits angedeutet, nimmt uns Annette Hess mit auf eine Zeitreise in ein Deutschland, das sich vom Krieg erholt hatte und wieder auf dem Weg zu Wohlstand und Ruhe war und dessen Gesellschaft überwiegend keinerlei Bedürfnis nach Aufklärung und Rechtsprechung der Vergangenheit hatte. Sie wollten nichts wissen von der Shoa, von den Ereignissen in den Ghettos, den Konzentrationslagern und all den anderen Gräueltaten. Das Wissen um diese Zeit, das wir heute als selbstverständlich ansehen, musste damals erst mühsam und gegen viele Widerstände gewonnen werden, um es späteren Generationen zugänglich zu machen. Damals wurde den Opfern des Holocaust kaum Glauben geschenkt, zu unglaublich erschienen den Deutschen die Berichte, die sie zu hören bekamen.

Eva ist eine derjenigen, die wissen will, was damals geschah und die den Menschen helfen will, gehört zu werden. Warum das so ist, wird ihr selber erst im Verlauf des Prozesses klar. Sie war zur Zeit des Krieges noch ein kleines Kind, ihre Erinnerungen sind entsprechend verschwommen. Aber nach und nach wird ihr klar, dass sie mit ihrer Familie damals in Auschwitz wohnte, wo ihr Vater die Offiziere bekochte. Ein polnischer Häftling schnitt ihr die Haare. Von ihm lernte sie auch, wie man auf polnisch zählt. Es gibt ein Bild, das ihre ältere Schwester, die weiterhin alles verdrängt und es Eva übel nimmt, dass sie die Vergangenheit aufwühlt, von ihrem damaligen Haus malte, das ebenfalls auf dem Gelände stand. Als Eva ihre Eltern damit konfrontiert, fragen sie Eva, was sie denn hätten machen sollen? Sie hätten doch keine andere Wahl gehabt als Teil des Systems zu bleiben. Wer weiß, wie es ihnen sonst ergangen wäre. Also haben sie weggeschaut. Und genau das ist der Grund, vermute ich, warum Iris Berben gesagt hat, das Buch käme genau zur richtigen Zeit. Und das ist es auch, was dieses Buch lesenswert macht. Es zeigt, wie leicht es ist, sich innerhalb eines Systems zu verstecken, sich selbst zum Opfer der Umstände zu machen und jegliche Schuld von sich zu weisen. Es zeigt aber auch, dass wir immer die Wahl haben. Auch wenn es bequemer ist, wegzuschauen, sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass wir uns damit mitschuldig machen. Wir sollten uns darum bemühen, unsere Geschichte nicht zu vergessen, damit wir nicht wieder die gleichen Fehler machen und dabei helfen, ein menschenverachtendes System aufzubauen. Wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, dafür sind wir selbst verantwortlich.

Cover von „Deutsches Haus“ von Annette Hess

„Peter Pan“ von James M. Barrie

Als ich vor einigen Wochen in den Urlaub fuhr, hatte ich in meinem Gepäck ein angelesenes Buch. Jetzt ist es so, dass ich nicht mit nur einem angelesenen Buch in den Urlaub fahren kann. Zu groß ist dann meine Sorge, dass ich dieses Buch in den nächsten Tagen durchlese und kein zweites dabei habe. Kennst du das? Ich muss dann jedenfalls immer ein Reservebuch dabei haben. Und in diesem Fall handelte es sich bei meinem Reservebuch um „Peter Pan“ von James M. Barrie.

Second to the right, and straight on till morning.

„Peter Pan“ von J. M. Barrie, S. 43

Ich nehme an, dass ich nicht groß und breit erzählen muss, worum es bei „Peter Pan“ geht, oder? Die Geschichte der Geschwister Wendy, John und Michael, die von Peter Pan nach Nimmerland gelockt werden und dort zahlreiche Abenteuer mit den verlorenen Jungen erleben und schlussendlich sogar Kapitän Hook besiegen, ist vermutlich hinreichend bekannt. Und obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – ich die Geschichte gut kenne, verzauberte mich die Lektüre des Buches. Das liegt an der Sprache, an der Art, wie Barrie seine Leser anspricht und natürlich an den Figuren und der Handlung selbst.

… but henceforth Wendy knew that she must grow up. You always know after you are two. Two is the beginning of the end.

„Peter Pan“ von J. M. Barrie, S. 7

Als Kind habe ich Disneys Version von „Peter Pan“ unzählige Male gesehen und beim Lesen des Buches hatte ich ständig die Figuren und die Musik des Zeichentrickfilms vor Augen bzw. im Ohr, denn Disney hat sich sehr viel Mühe gegeben, möglichst dicht am Original zu bleiben.

On this evening the chief forces of the island were disposed as follows. The lost boys were out looking for Peter, the pirates were out looking for the lost boys, the redskins were out looking for the pirates, and the beasts were out looking for the redskins. They were going round and round the island, but they did not meet because all were going at the same rate.

„Peter Pan“ von J. M. Barrie, S. 54

Das Bild, das allein bei diesen Sätzen im Kopf entsteht, fand ich großartig!

Anders als bei Disney sterben bei Barrie deutlich mehr Figuren und Peter erinnerte mich oftmals an Loki, jemand, der den Schalk im Nacken sitzen hat und der auch darüber lachen kann, wenn andere seinetwegen Schaden nehmen. Die Sympathien liegen daher eher bei Wendy, John und Michael, die nach ihren bestandenen Abenteuern zusammen mit allen verlorenen Jungen heimkehren, um erwachsen zu werden. Und Peter? Der kehrt zurück nach Nimmerland und kommt im Frühling vorbei, um erst Wendy und später ihre Tochter, dann ihre Enkelin usw. zum Frühjahrsputz abzuholen, und er bleibt dabei so unbekümmert, abenteuerlustig und vergesslich wie eh und je.

When [Wendy’s granddaughter] Margaret grows up she will have a daughter, who is to be Peter’s mother in turn; and thus it will go on, so long as children are gay and innocent and heartless.

„Peter Pan“ von J. M. Barrie, S. 176

„Junger Mann“ von Wolf Haas

Mit „Junger Mann“ von Wolf Haas unterbrach ich spontan meine geplante Sommerlektüre und das war ein Glück. Denn „Junger Mann“ ist leicht und witzig und hinterlässt dieses Gefühl, das nur richtige Sommerbücher hinterlassen. Ich weiß nicht, ob du das kennst. So ging es mir zum Beispiel auch nach „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, eines meiner Lieblingsbücher. An „Tschick“ erinnerte mich auch die Beschreibung, die ich von „Junger Mann“ las. Tatsächlich gibt es einige Gemeinsamkeiten: Beide Bücher spielen im Sommer, beide werden aus der Sicht eines vierzehnjährigen Jungen erzählt und beide Jungen machen sich auf die Reise. Und ebenso wie „Tschick“ gefiel mir auch „Junger Mann“ richtig gut. Aber der Reihe nach.

Worum es geht

Wir schreiben den Sommer 1974. Unser Erzähler ist vierzehn Jahre alt, gerade vom Internat nach Hause gekommen und tritt seinen Sommerjob als Tankwart an. Das macht er schon länger, auch im Winter hat er Scheiben freigekratzt und Tanks aufgefüllt, trotz der Ölkrise, wobei sich die im beschaulichen Österreich auch bemerkbar machte. Durch eine solche vereiste Scheibe sah er sie zum ersten Mal: Elsa. Die schönste Frau der ganzen Erde. Die leider auf dem Beifahrersitz des Tscho saß und ihn für ein Mädchen hielt. Daher fasste er noch im Winter den Beschluss, endlich abzunehmen. Doch nun zu Beginn der Sommerferien muss er feststellen, dass seine Bemühungen nichts gebracht haben. 93 kg zeigt die unbestechliche, orangefarbene Waage gnadenlos an. Egal, welche Verrenkungen auf der Waage, auch Waagenkamasutra genannt, er macht. 93 kg bei einer Größe von einem Meter und 80 Zentimetern. Da müssen mindestens 13 kg runter, um die Elsa zu beeindrucken. Auch wenn ihm die Tatsache, dass sie mittlerweile die Frau vom Tscho ist, doch einen kurzen Dämpfer verpasst. Aber egal. Seine Mutter fasst seinen Beschluss, abnehmen zu wollen, jammernd auf. Er sei doch nicht dick, er sei nur kräftig.

Früher war sie fröhlicher gewesen. Aber ungefähr mit jedem Kilo, das ich zulegte, hatte sie mehr geseufzt, nicht über meine Kilos, sondern über die Tonnen des Daseins, die sich auf ihren Schultern türmten und hauptsächlich einen Namen trugen, den meines Vaters.

„Junger Mann“ von Wolf Haas, S. 21

Doch sie gibt schließlich nach. Eines Nachmittags ist er wieder auf dem Rad seines Bruders unterwegs (Bewegung soll ja auch beim Abnehmen helfen) und fährt wieder einmal an dem Haus vorbei, dass der Tscho und die Elsa für reiche US-Amerikaner verwalten, als er einen Platten hat. Das war so eigentlich nicht geplant. Während er noch schwitzend nach dem Loch im Reifen sucht, tritt die Elsa zu ihm heran und fragt, ob er ein Glas Wasser haben möchte. Der Tscho ist wie so oft mit seinem Lastwagen nach Teheran unterwegs oder wer weiß wohin und eigentlich wollte er zwar noch ein bisschen mehr abgenommen haben, bevor er die Elsa spricht, aber jetzt einfach abzuhauen wäre ja erstens unmöglich mit dem platten Reifen und zweitens doch reichlich unhöflich.

In den nächsten Wochen sieht er die Elsa öfter. Und als sie ihn bittet, ihr Englisch beizubringen, da sehen sie sich wirklich häufig. Immer dann, wenn der Tscho nicht da ist, der davon eh nichts erfahren soll, sagt die Elsa.

Doch dann steht der Tscho eine Woche vor Ferienende an der Tankstelle und es stellt sich heraus, dass die Elsa ihm alles erzählt hat. Sachen, die sie besprochen haben, Sachen, die er gar nicht gesagt hat und Sachen, die gar nicht stimmen. Dass sie gemeinsam Englisch lernen, dass er eine Abnehmkur macht und schon ganz schlecht ausschaut (er hatte sich schon gefragt, ob das niemand sieht) und dass er Pfarrer werden will (wie sie darauf kommt, ist ihm schleierhaft). Und jetzt soll er den Tscho als Dolmetscher nach Griechenland begleiten, weil der Tscho dort Schwierigkeiten am Zoll hatte und jemanden braucht, der gut Englisch spricht. Seinen Lohnausfall an der Tanke wird er ihm erstatten und mit dem Chef ist auch alles besprochen. Der Tscho hat so eine Art, da denkt man immer, man bekommt eine geklebt, wenn er nur Hallo sagt. Und deswegen ist es auch völlig unmöglich, ihm dieses Angebot auszuschlagen. Und so machen sich die beiden gemeinsam auf den Weg nach Griechenland und was sie da alles erleben, das lasse ich jetzt besser offen.

Ich fand „Junger Mann“ großartig. Eine mit viel Humor und liebenswerten Figuren erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden, die erste Liebe und das Leben. Einfach empfehlenswert.

Cover von „Junger Mann“ von Wolf Haas

„A Very English Scandal“ von John Preston

Ebenfalls Teil meiner Sommerlektüre war „A Very English Scandal“ von John Preston, die Geschichte über Jeremy Thorpe, den ersten britischen Parlamentsabgeordneten, der wegen versuchten Mordes angeklagt wurde. Auch dieses Buch schreit, ebenso wie „The Virgin Suicides“ von Jeffrey Eugenides (Beitrag hier), jetzt nicht nach Sommerlektüre, aber das täuscht. Schön fand ich, wie der Autor am Ende seiner Danksagung über die Arbeit an dem Buch sagt, er sei während des Schreibens deutlich besser gelaunt gewesen als er das bei anderen Büchern schon mal war, und aus seinem Arbeitszimmer hörte man eher amüsierte Gluckser oder ungläubiges Schnappen nach Luft statt verzweifeltes Stöhnen. Und so erging es mir auch viele Male bei der Lektüre.

Worum es geht

Anfang der Sechziger beginnt Jeremy Thorpe, Abgeordneter des britischen Parlaments, eine Beziehung mit dem wesentlich jüngeren Norman Josiffe, später Scott. Zum damaligen Zeitpunkt ist ihre Beziehung noch illegal, was Thorpe jedoch nicht abschreckt. Scott hatte sich an Thorpe gewandt, weil er Hilfe brauchte. Seinen ehemaligen Arbeitgeber, den auch Thorpe kennt, hatte Scott fluchtartig verlassen, nachdem dieser auf Scotts Namen allerlei Anschaffungen getätigt hatte. Doch bei seinem überstürzten Aufbruch vergaß er, seine National Insurance Card mitzunehmen, die er aber unbedingt braucht, um eine neue Anstellung zu finden. Thorpe verspricht, Scott zu helfen und drängt sich ihm in dieser ersten Nacht auf. Scott geht deswegen später sogar zur Polizei, doch die Aussage verschwindet in irgendeinem Schreibtisch, so wie auch alle weiteren. Einige Jahre lang befinden sie sich in einer On-/Off-Beziehung, während der Thorpe zahlreiche Briefe an Scott schreibt, deren Inhalt teils sehr eindeutig ist. Außerdem ist Scott im Besitz von Briefen, die Thorpe einige Jahre zuvor an Scotts Arbeitgeber geschrieben hatte und deren Inhalt ebenfalls sehr eindeutig zu sein scheint. Scott ist emotional und psychisch nicht sehr gefestigt und die Beziehung zu Thorpe trägt auch nicht dazu bei, dass er stabiler wird. Thorpe trennt sich schließlich endgültig von Scott, gibt ihm jedoch nicht die neue National Insurance Card, die er seinerzeit beantragte, weil diese die Frage aufwerfen könnte, in welcher Beziehung Thorpe zu Scott steht oder stand. Und diese Frage will Thorpe in den nächsten Jahren um jeden Preis vermeiden. Denn er wird der jüngste Parteichef, den die Liberalen bis dahin je hatten und er träumt davon, eines Tages Premierminister zu werden. Dafür müssen aber die Gerüchte über seine Homosexualität verstummen, auch wenn Homosexualität zu diesem Zeitpunkt endlich legalisiert worden ist. Um jegliche Zweifel zu zerstreuen, heiratet Thorpe im Mai 1968 Caroline Allpass, mit der er ein knappes Jahr später einen Sohn bekommt. Er hat auch weiterhin Affären mit Männern, wird aber diskreter.

Da Scott immer noch seine National Insurance Card benötigt und Thorpe sie ihm über seinen Kollegen Peter Bessell weiterhin verweigert, kommen die beiden nicht voneinander los. Scotts Leben gleicht einer Achterbahn: Manchmal läuft es gut für ihn und Peter Bessell hofft schon, nichts mehr von ihm zu hören, doch dann rauscht Scott ins nächste Tief. Verliert Anstellungen, hat Zusammenbrüche, wird in Kliniken eingewiesen und nimmt zeitweise zu viele Medikamente.

Thorpe fürchtet, Scott niemals los zu werden, und verfällt irgendwann auf den Gedanken, ihn aus dem Weg schaffen zu lassen. Nicht persönlich, versteht sich, stattdessen sollen das Peter Bessell und David Holmes, ein Freund Thorpes, erledigen. Peter Bessell hat mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass Thorpe seine Probleme immer bei anderen ablädt. Früher war das seine Mutter, in den letzten Jahren waren es überwiegend Bessell und Holmes. Doch anstatt Thorpe damit zu konfrontieren oder sich von ihm abzuwenden, bleibt Bessell ihm lange Zeit treu ergeben. Er versucht zwar, Thorpe die Idee auszureden, Scott umzubringen, bleibt damit jedoch erfolglos.

Zu Weihnachten 1974 befindet sich Bessell in den USA. Seinen Sitz im Parlament hat er verloren und seine zahlreichen unternehmerischen Experimente sind allesamt fehlgeschlagen und haben ihn hochverschuldet zurückgelassen. Kontakt zu Thorpe hat er kaum noch, obwohl er ihm auch dann noch zur Seite stand, als Thorpe ihn überredete, einen reichen Gönner der Partei um weiteres Geld zu erleichtern, das sie für ihre eigenen Projekte nutzen wollten. Eine Masche, die Thorpe schon einige Male angewandt hat und über die er auch das entsprechende Geld abzweigt, um einen Auftragskiller dafür zu bezahlen, Norman Scott endgültig mundtot zu machen. Doch der Anschlag, eingefädelt durch David Holmes, schlägt fehl. Norman Scott überlebt und will nun definitiv der ganzen Welt von seiner Beziehung zu Jeremy Thorpe erzählen und wie diese sein Leben ruiniert hat.

Es kommt – nach einigen Anlaufschwierigkeiten – im April 1979 zum Prozess gegen Jeremy Thorpe sowie David Holmes. Bessell hat erkannt, dass er von Thorpe immer nur benutzt wurde und ist bereit, gegen seinen ehemaligen Freund auszusagen. Doch der Prozess wird eine Tortur für ihn und auch für Norman Scott. George Carman, Thorpes Anwalt, stellt Bessell gnadenlos als notorischen Lügner dar und demontiert ihn und seine Reputation äußerst gründlich. Auf die gleiche Weise verfährt er mit Norman Scott. Denn welche Jury schenkt schon Zeugen Glauben, die ihr Leben lang gelogen haben? Und so werden Thorpe und Holmes am 22. Juni 1979 unter dem vorsitzenden – und sehr parteiischen – Richter Sir Joseph Cantley tatsächlich freigesprochen.

John Preston hat die Umstände dieses Skandals sehr genau recherchiert (und erwähnt nebenbei noch einige weitere) und ermöglicht uns einen intimen Einblick in die Leben von Norman Scott, Peter Bessell und auch Jeremy Thorpe. Es ist faszinierend und teils auch schockierend zu sehen, wie sich insbesondere Bessell und Thorpe verhalten haben. Als gehöre ihnen die Welt. Als könnten sie machen, was immer ihnen beliebt. Vor allem Thorpe scheint dabei nie an die Konsequenzen gedacht zu haben. Preston hat sich auch bemüht herauszufinden, warum Bessell Thorpe so ergeben war, aber das ist eine Frage, auf die auch Bessell selbst nie eine Antwort gefunden hat.

Hinsichtlich des Prozesses gegen Thorpe ist es bemerkenswert, wie viele Männer ihre Hände schützend über Thorpe hielten in all den Jahren. Teils aus eigenen Interessen, teils aus Rücksicht auf die Partei oder das Ansehen des Parlaments wurde dieser Prozess erst hinausgezögert und dann unter Vorsitz eines Richter abgehalten, der schlechter nicht hätte denken können von Peter Bessell und Norman Scott. Und wie strukturiert, klar und spannend John Preston das schildert, das entlockte mir immer wieder Laute ungläubigen Staunens und lautes Gelächter.